Weg mit dem Kinderrecht auf Sucht!

(Appell eines Zeitzeugen der Postmoderne)

 

Jetzt, wo wir die Unbilligkeit des Weiblichen als Frauenrecht in der Verfassung haben und die Männerrechte als nicht der Rede wert erkannt sind, müßte es um die Kinder gehen.

Im Blick voraus auf die nicht allzu ferne Zukunft, wenn auch den Kindern das Menschenrecht auf Leben wieder zugesprochen und ihnen zugleich die Autorität über die Eltern wieder abgesprochen ist, wird man die Gegenwart als Vergangenheit aufarbeiten wollen sollen.

Dann wird man uns sexualrassistische Generation gleich nach dem klinischen Babycaust am meisten geißeln für die Einführung des Kinderrechts auf Sucht.

Über welche Ausreden werden unsere Nachfahren wohl am überheblichsten lästern?

Damals haben alle so gedacht!

Wir haben’s nicht besser verstanden.

Das waren andere Zeiten!

Ich war kein Neoliberalist!

Ich hab‘ sie nur gewählt, weil es keine andere Partei gegeben hat!

Konkretisieren wir die Dynamik und Thematik!

Was sollen die Buben denn machen, wenn sie schneller sind als die Erwachsenen?

Den Tag mit Warten verbringen?

Rhythmisch flexibel dissoziieren?

Das gesunde Kind denkt an das andere, wenn das eine erledigt ist.

Warum sind die Kinder so schnell?

Weil wir ihnen keine Zeit ließen.

Warum sind die Kinder so unruhig?

Weil wir ihnen keine Ruhe ließen.

Die Sucht stammt aus der Hetze und treibt sie über die Abhängigkeit auf die Spitze.

Die Hetze stammt aus dem Gehetztwerden. Hetzen wir die Kinder nicht, hetzen sie sich selber nicht.

Nach Jahren der kategorischen Hetzerei stellen wir uns hin und beschuldigen das Kind:

Du bist gestört, daß du dich so hetzt!

Lob der Anständigkeit hinter der Unanständigkeit:

Was für ein offenes Geständnis!

 

Klinisch gesprochen

Eßstörungen, ADD, ADHD, zwanghaft aufsässiges Verhalten usw. usf. unterscheiden sich dynamisch und daher im Veränderungspotential voneinander nicht auf der Tiefenebene, die zählt, weil sie steuert.

Auch das erwachsen gewordene gehetzte Kind tauscht nur die Schokolinsen oder die mit Paprikageschmack gewürzten Nachos aus gegen Altergemäßeres, um sich eine Ruhepause in der Hetze zu gönnen.

Das Meta-Rezept für die Vermeidung und für den Abbau der Hetzsucht ist das Aufschieben und das im Erledigen eingestreute Aufschieben, das Trödeln.

Genau darum bemühen sich die Kinder, die wir so gedankenlos und rücksichtslos kritisieren und abdiagnostizieren für ihre Selbsttherapie. Bevor wir sie operativ sadistisch lahmlegen in ihrer motivationstechnischen Selbstverfügbarkeit und ihrer ontologischen biologischen Selbstverantwortlichkeit mit den gleichen Suchtmitteln, die wir dem Erwachsenen als Droge per Gesetz und Ordnung verweigern und entziehen.

Wir wollen offenbar die Herren ihres Highs sein, aber welches Kind hat uns darum gebeten, ihm einen Tunnel ins Gehirn zu treiben?

Was soll das heißen? Die Burschen handeln sogar untereinander mit den verschriebenen Kokainersatzpillen! Und Studenten auf der Uni und Broker an der Börse nehmen sie als Mental Enhancers! Der Tunnel der Konzentration ermöglicht, vor den Prüfungen wie ein Roboter zu stucken und außer arbeiten nur noch zu arbeiten. Da geht’s um existenzielle Belange, das Studium schaffen oder nicht, die Beförderung kriegen oder übergangen werden, was glauben Sie, wie man jahraus jahrein Sponsoren nachjagen, Projekte einreichen und nebenbei einen Journalartikel nach dem anderen aus dem Ärmel schütteln soll, wenn man auf dem Weg zur Habilitation und Pragmatisierung ist?

Heute heißt gute Noten das Gleiche wie Ritalin als „mother’s little helper“ aber eben für den Sohn!

Mit glutenfreier biologisch-dynamischer Nahrungsversorgung kommt man nicht mehr aus, auch die Vitamine und Spurenelemente reichen nicht, nicht einmal die chinesischen und tibetischen.

Eine gute Mutter packt dem Buben den Red Bull in den Ranzen, und die Kinderschokolade für die schnelle Energie!

Das Gieren des Süchtigen nach der Droge, ein überzeugendes Argument?

Die Co-Abhängigkeit als herzensgütiger Altruismus, endlich von den zynischen Therapeuten respektiert?

Was glauben Sie, warum Gañja als Kraut der Götter in den heiligen Schriften Indiens gepriesen wird und als Charras als Geistesnahrung der Sadhus legal geraucht? Aber der Jugend und den Haushältern wie bei uns als Suchtittel verboten?

Weil der Tunnel des Shamata und mehr noch der Raum des Vipassana die Hetze nicht können sondern den Frieden der Stille und Ruhe eröffnen.

Wie wurde der karge asketische karibische Ska zum symphonischen tantrischen One Love der One World?

Die Hetze mit der eigenen Kraft zu überwinden, darf keinem erspart werden, denn die Ersparnis von heute ist die Not von morgen.

Würden Cannabis und Ritalin und vergleichbare psychoaktive Substanzen so wie in den schamanischen Zeiten benutzt, wären sie als Hilfsmittel für den Geist nur als Führer begriffen und gehandhabt, die einem den Weg zeigen, damit man ihn später selber findet. Den Weg von der Hetze des sich Hetzenlassens zur Ruhe aus dem willentlichen Stillhalten.

Es ist nicht Neueres zu sagen, als daß die Kinder (und eine Menge Erwachsene dazu) einer biologisch überfordernden Hetze ausgesetzt sind, die die Erholung durch Ruhe nicht mehr erlaubt. Nicht daraus, daß man den Nachmittag am Wasser verbringt und auf die Strömung schaut. Nicht daraus, daß man den Wolken zusieht und mit der Hand abmißt, ob sie sich bewegen.

Nicht, weil’s nicht wirken würde, sondern weil man sich weder als Kind noch als Erwachsener mehr auf die Idee einläßt, sich lieber an den Fluß zu setzen als vor das Video von den Weltmeisterschaften im Wildwasserpaddeln.

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