Basiswissen PaarEinsPsy Anwendung Stufe 1

Vier Verständnisse zum Krieg der Paare

Ein Orientierungsmodell für paartherapeutische Intervention

 

Der Krieg ist der Vater der Paartherapie

 

Es kommen zwei Krieger zum Paartherapeuten.

Ihr Krieg dauert schon lang und er soll ohne Paartherapie nicht weitergeführt werden.

Mehr weiß man nicht, das weiß man.

Die erste Frage zur Orientierung darüber, was zu tun angebracht wäre, scheint die nach dem Kriegsgrund zu sein.

Das ist naiv oder, je nach Härte des Urteils, auch dumm. Auf jeden Fall schlägt sich der Therapeut unter seinem Wert.

Es ist ideologische Dummheit, welche die Gegenwartskultur des Westens pflegt und dekretiert, insofern nicht verwunderlich, wenn auch Fachleute für Paarbeziehungen und deren Beeinflussung durch Dritte davon angesteckt sind, ohne sich einer Spur davon zu verdächtigen.

 

Den Konflikt als Krieg verstehen

Es sei daran erinnert, daß die Einsichtspsychologie von der anthropogenetischen Funktion der Finalität ausgeht (*). In diesem Verständnis ist das Weitere gemeint.

Paare leiden schon geraume, oft sehr lange Zeit an unaufgelösten Konflikten, deren Lösung oder die Einsicht in deren Unlösbarkeit sie sich von der Paartherapie erhoffen.

Ob sie leiden, ist offen, es ist die Legitimation für die Inanspruchnahme von Paartherapie, daß sich zumindest einer der beiden als in der Beziehung leidend vorstellen oder vorstellen lassen muß oder gegen seinen Willen vorgestellt wird. Leiden muß Thema sein, sonst hat man kein Recht auf Therapie.

Unzufriedenheit mit dem bisherigen Konfliktgeschehen, nur das ist zurecht zu unterstellen.

Was aber ist ein unaufgelöster Konflikt? Ein Kampf, der nicht entschieden ist. Eine Serie von Kämpfen, die weitergeführt wurde bis an die Schwelle des Therapiezimmers. Der Kriegszustand dauert an, der Krieg geht schon lang, die Kontrahenten kämpfen schon lange.

Die vernünftige erste Frage ist die nach dem Zweck, ganz allgemein, aber auch hier: Was soll erreicht werden bezüglich des Krieges?

Man kann noch weiter zurückgehen in die wissenschaftliche Voraussetzungslosigkeit und fragen, was ist der Zweck des Auftauchens als Paartherapieklienten?

Daß Krieg herrscht, ist schon eine ungeprüfte Annahme, nur getroffen aufgrund der Behauptung eines oder beider der Partner.

Vielleicht herrscht eitler Friede und die Eitelkeit des Friedens verführt dazu, sich zu beweisen, daß man selbst bei genauem Nachbohren und Lüften der letzten Geheimnisse voreinander einander so zugetan wäre, daß man in der Liebe nicht irre wird?

Vielleicht will man seinen Szene-Bekannten nicht nachstehen, die alle schon entweder geschieden oder in Scheidung oder in Paartherapie oder nach erfolgreicher Paartherapie ungeschieden sind?

Im realen Kriegsfalle

Der Einfachheit und Überschaubarkeit wegen gehen wir davon aus, der Krieg ist real, er wird wirklich geführt und schon lange. Wir brauchen uns noch nicht dafür zu interessieren, wer gegen wen.

Sie gegen ihn und er gegen sich selbst, das ist die häufigste Form. Sie gegen ihn und er im nicht zu vermeidenden Rückzugsgefecht zur Verteidigung seiner Zugehörigkeit zum Paar und zur Familie so schonungsvoll, wie’s geht, gegen sie, die zweithäufigste.

Aber selbst, wenn einer gar nicht gegen den Partner kämpft sondern zum Beispiel gegen die Institution der verpflichtenden Bindung, gegen die Rolle als fester Partner eines anderen Menschen vom polaren Geschlecht, egal wer die Partnerrolle spielt und ihm abverlangt, kommt ein Krieg zwischen den beiden als Rollenspieler heraus, auch wenn sie als Menschen und Liebende einander hold und miteinander selig waren oder – theoretisch – wären.

 

Die Zukunft des Krieges verstehen

Die erste Frage ist, was soll aus dem Krieg werden, das heißt, soll er weitergehen oder soll er aufhören?
 
 

Variationen der Kriegsführung

Wenn der Krieg weitergehen soll, wie anders als bisher?
 

Mit den Sitzungen als zusätzliche inspirierende Arena? Mit dem Therapeuten als Verbündeten, den man abwechselnd auf seine Seite zieht oder dem anderen überläßt, um zu demonstrieren, daß man es mit zweien auf einen Streich aufnimmt? Worauf sich zuhause mit der kleinlaut gewordenen Kampfbegeisterung des beeindruckten Gegners rechnen läßt?

Mit der gemeinsamen Erinnerung, Therapie hat auch nichts geändert, daraus der Legitimation, es ist zulässig, daß wir den Krieg weiter führen?

 

Friedensziele

Wenn der Krieg aufhören soll, zu welchem Zweck, das heißt, mit welchen Folgen?
 
Die Trennung oder Scheidung wegen unüberbrückbarer Gegensätze?
Für eine Erholung bis zum nächsten Feldzug?
Für eine weniger anstrengendere, vielleicht sogar erholsame Zukunft im gemeinsamen Leben?
 
Für höhere Ziele und schwerer zu verwirklichende Zwecke wie, die Liebe stärken und sichern gegen Zweifel, Trägheit und Feigheit?
 
Wie, den Yoga der Liebe als selbstgewählten spirituellen Erkenntnis- und Verwirklichungsweg gehen? Mit oder ohne dieser Benennung, für die man auch schlicht „die Übung in der Liebe“ einsetzen kann? Und danach anschließen, „um ein besserer und/oder gottgefälligerer Mensch zu werden.“
 
Den Kindern und Enkeln das bestmögliche Vorbild geben, wie man die Liebe aus gutem Willen und Selbstdisziplin aufblühen und Früchte tragen lassen kann? Immer mehr und immer exotischere und ätherischere, von der Erfahrungswarte eines durchschnittlichen Zeitgenossen betrachtet?
 
Wobei der Yoga der Liebe der Kriegsgegner auch im Kampf geübt wird, sie halten einander wach und sind einander Sparringpartner für die Verbesserung der Kampfkunst.

 

Die Kriegsziele verstehen

Ein Krieg kann aus zwei Gründen geführt werden, einerseits um gewisse Ziele zu erreichen, andererseits um Krieg führen zu können oder im Kriegszustand miteinander zu sein. Weil einem das vorteilhafter erscheint, als Frieden zu haben.

Der Krieg entschuldigt alles Mögliche und er verlangt alles mögliche andere und er erspart einem alles mögliche, was einem im Frieden nicht erspart bliebe.

Erst, wenn das Erreichen bestimmter Ziele als Zweck des Krieges erscheint, und nicht der Zustand des sich im Krieg Befindens selbst schon die gesetzten Zwecke erfüllt, ist die Voraussetzung für die Frage nach den angestrebten Kriegszielen gegeben.

Die Ziele, die bisher und noch immer verfolgt werden, wenn auch offenbar mittlerweile mit starken Zweifeln, ob sie durch die bisherige Art der Kriegsführung erreichbar sind. Vielleicht auch im Zweifel, ob sie durch Krieg als Methode überhaupt erreichbar wären. Oder ob sie bei näherer Analyse des Erreichens wert sind.

Es gibt drei Kategorien von Kriegszielen: die des einen Partners, die des anderen und die gemeinsamen.

Ebenso gibt es drei Dimensionen, in denen Kriegsziele angesiedelt sind.

 

Fundamentalziel Macht

Erstens und immer als Grundlage geht es um die Macht, darum, wer seinen Willen gegen den des anderen durchsetzt. Zweitens geht es darum, in welchem Erfahrungs- und Handlungsbereich man das mit Macht durchzusetzende Seine ansiedelt: auf der Ebene des Materiellen oder des Sozialen, auf der des Emotionalität Ermöglichenden oder auf der des Sinn und Bedeutung Stiftenden.

Vom anderen als unberechtigt beurteilte Machtansprüche führen entweder zu Verhandlungen und nach ihrem Scheitern oder direkt zum Krieg. Der kann heiß oder kalt sein, wenn heiß, dann eine Reihe von Schlachten, Kämpfen und Manövern oder ein Stellungskrieg, mit oder ohne gelegentlichem Feuer.

Ansprüche, die man nach bestem Wissen und Gewissen untersucht und als berechtigt beurteilt, kann man dem anderen als solche begreifbar machen, ohne zu Machtmitteln greifen zu müssen. Auch gegen dessen ursprünglichen Widerstand, man kennt einander lange genug, um zu wissen, wie man bei ihm etwas erreichen kann.

Ansprüche, die man man der kritischen Prüfung nicht unterzieht, sind diejenigen, die unlauteren Urteilen und Motiven entspringen, damit zugleich jene, von deren lauterer Unvertretbarkeit man weiß, zumindest im Hinterstübchen, wohin man das spezifische bessere Wissen und Gewissen dazu verbannt hat. Daher probiert man es mit Machtmitteln. Oder man hält sich an sein besseres Wissen und Gewissen und verzichtet auf ihre Befriedigung.

 

Den Schritt zum Frieden verstehen

 

Der Blick auf den anderen entscheidet

Mit den Augen der Liebe mutet man dem anderen nur das Beste und Schönste und Reinste zu, zu dem man fähig ist.

Mit der Brille des Ressentiments erlaubt man sich, was man als gerechten Ausgleich für sich und als Strafe und Rache für den anderen angemessen findet.

 

Der Schritt in den Frieden heißt Verzicht

Es drängt sich die einfache Intervention auf, den Wechsel des Blicks anzuvisieren und diesen Schritt als Weg zum Frieden für beide und zu ihrer Zufriedenheit miteinander den kriegführenden Parteien nahezulegen – sollten sie den Frieden anpeilen oder zumindest nicht kategorisch ausschließen.

Das ist leicht, nicht schwer und schon gar nicht unmöglich.

Schwer bis unmöglich ist der Entschluß dazu!

Um ihn zu treffen, muß man sich zuerst dazu entschließen, auf den weiteren Vollzug der punitiven Agenden zu verzichten, die man sich bislang als gerechtfertigt erklärte.

Auch das ist keine große Sache.

In Wirklichkeit hat sowieso keiner Lust, mit dem anderen in Dauerunfrieden zu leben, wenn er glaubt, es ginge in Dauerfrieden genauso gut und schön. Und allein auch nicht, wenn er glaubt, zu zweit ginge es halbwegs so schön wie in der ersten Zeit miteinander.

Was steht dann dem Friedensschluß entgegen?

Der Stolz!

 

Das lange Duell um die Ehre

Komplizierter wird die Erläuterung nicht, wenn sie zur Sache bleiben soll, denn der psychologische Sachverstand unterscheidet sich vom Hausverstand weder haushoch noch himmelweit:

Die Eitelkeit; man will sein Gesicht nicht verlieren; also: die Ehre!

Das Kriegführen ist eigentlich von Anfang an ein Duell um die Ehre gewesen.

Man muß auf eine gewisse Art von Ehre verzichten, auf eine gewisse Art von Stolz, auf eine gewisse Art von Überheblichkeit. Eine Art, die tief eingegraben ist im Menschen, die schon im Tier tief eingegraben war und auch nicht ausgemerzt werden könnte, ohne jedwede Art dem Untergang zu weihen.

Die Lust an der Selbstbehauptung ist das, die Lust des Lebens als solchem. Am Empfinden des vollen und starken, kraftstrotzenden Lebendigseins.

Ein Teil von ihr, der auf das Individuum bezogene. Das Unhygienische für Geist, Seele und Instinkte daran, auf ihr zuerst herumzureiten, ist allerdings, daß die individuelle Selbstbehauptung ihre Berechtigung nur im Dienst der kollektiven hat, anders gesagt, in der Verkörperung des Genoms zwecks dessen bestmöglicher Weitergabe.

Erst muß man als Individuum auf das Leben der Sippe in die Zukunft hinein schauen und handeln, denn erst in diesem Rahmen ist die individuelle Stärke und Freude statthaft – wie schlimm es auch klingt – nämlich im Sinne von für die Genpools, die Spezies und das Leben instrumental und funktional. Jenseits dieser Funktionalität gäbe es keine Individuen, die Natur agiert strikt rational und ökonomisch.

Der Sippenstolz kommt instinktiv vor dem individuellen. Das Wissen darum ist bloß unmodern geworden, aber keineswegs unzugänglich. Die eigene Erfahrung aller von Kind an belegt es, analysiert man sie darauf hin.

Die Evolution der Intelligenz und der Kultur eröffneten uns die Erkenntnis der Allmächtigkeit des Individuums als geistiger Schöpfer;

die leicht zu verwechseln ist mit einem persönlichen Verdienst, das zu Privilegien des eigenen vor den anderen Selbsten auf der Welt qualifiziert. Aber alle erleben ihre individuelle Selbsthaftigkeit ganz genauso weit, tief, berauschend und überzeugend wie ich, du, sie und er, wir und sie überall auf der Welt.

Der Stolz beginnt bei der Sippe und geht davon über auf den Sippenverband und die Verbände von Sippenverbänden in die Weite und zugleich in die Mitte der Erfahrung, auf die Beteiligten an der unmittelbaren biologischen Fortpflanzung und danach auf das eigene Selbst.

Gene und Weisheit gebieten, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Die Gene meinen meine Sippenmitglieder, die Weisheit meint die auch, aber darüber hinaus auch die weiteren Kreise bis zum Gesamtkreis der Menschheit und dann des Lebens auf der Erde.

Der Verzicht auf den falschen Stolz, darum geht es. Denn kindischen, den Kinder nicht haben.

 

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* s. Finalität als anthropogenes Prinzip (https://einsichtspsychologie.at/finalitaet-als-anthropogenes-prinzip/)

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