Spielen für Erwachsene

Sex ist Spielen. Spielen für Erwachsene. Wie man Sex richtig spielt, ist eine ewige Frage. Sie wird nur anders formuliert.

Wer kennt sich aus?

Wie geht Sex, wie macht man das, fragt man sich in der Jugend, fürchtet man sich vielmehr – und bildet sich inzwischen per Youporn. Ohne beurteilen zu können, wie verbildend das Gebotene ist. Besser wäre, man verbietet sich Pornos und fragt jemand, der sich auskennt. Aber eher beißt man sich die Zunge ab, als junger Mann sowieso, als sich selber zum Gespött zu machen, daß man es noch nie gemacht hat.

Wobei man mit Fragen genauso leicht an die falsche Adresse gelangt. Es scheint kaum jemand zu geben, der ein unbefangenes Verhältnis zur Sexualität hat, obwohl fast jeder von sich behauptet, er habe keine Probleme mit der Sexualität sondern eine ganz natürliche Einstellung dazu.

Nur in der Praxis sieht es traurig aus, ganz besonders, wenn zwei schon länger zusammen sind.

Das Naturgesetz des flüchtigen Eros

Die Lust auf Sex vergeht so regelhaft, als wäre es ein Naturgesetz, dem kein Paar entrinnen kann. Als wären die Vertrautheit miteinander und das Zusammenleben nach einiger Zeit mit der erotischen Spannung zwischen den beiden leider unvereinbar.

Dann kommt die Metapher vom Zusammenwohnen wie Bruder und Schwester, mit Bitterkeit und Resignation. Oder, „Ich hab‘ halt selten Lust dazu, ich hab‘ eben kein so starkes Bedürfnis danach wie er, was soll ich tun, es ist halt so. Soll ich mich vielleicht dazu zwingen? Oder aus Pflichtgefühl mitmachen wie unsere Großmütter?“

Die Antwort auf die rhetorischen Fragen wäre „Ja! Die Großmütter waren vif genug zu kapieren, daß eine Ehe ohne Sexualität den Bach runter geht.“

Aber lassen wir das, es bedürfte weiter ausholender Erklärungen, um richtig verstanden zu werden! Zumindest der, daß erfahrungsgemäß der Appetit mit dem Essen kommt. Was auch entnervend hanebüchen vorgestrig klingt. Aber den praktischen Sinn des Weiblichen trifft.

Außerdem, was sagt man dem Mann, der in den letzten Jahren auch schon öfter derjenige ist, der eine Ausrede nach der anderen serviert, um nicht seine eheliche Pflicht erfüllen zu müssen. (1)

Wieder ein rotes Tuch, ein Begriff, der wieder vehement mißverstanden werden kann, wenn man seine Verwendung nicht entsprechend erläutert. Von der Klugheit der Großväter zu reden, ist auch nicht  unbedingt einleuchtend, wenn doch die Standardthese lautet, der Mann will sowieso immer. Zehnmal so oft wie die Frau, kann man als Vergleich hören. Was einerseits stimmt, andererseits auch wieder nicht. Es kommt nämlich ganz drauf an. Es ist alles sehr kompliziert.

Und das soll man Spielen für Erwachsene nennen können? Was soll das für ein morbides Spiel sein, daß an der Liebe zugrundegeht? Die Verliebtheit befeuert die Erotik, aber die Liebe erstickt sie? Nicht nur kein Spiel für Kinder sondern auch keines für ihre Eltern? (2) 

Elternschaft? Das erste Kind? Sex ade! Es war schön, es war aufregend, behalten wir es in guter Erinnerung, aber jetzt steht Ernsteres auf dem Programm! Die Verantwortung, die heilige Pflicht, für dieses Wesen zu sorgen, das ganz und gar auf unsere Liebe und Sorge angewiesen ist, das Größte überhaupt! Und das Erschöpfendste noch dazu!

Kindern wird das Spielen miteinander nicht fad

Bruder und Schwester hören nicht auf miteinander zu spielen, obwohl sie zusammenleben, Jahr um Jahr ohne Personalwechsel. Das ist schon einmal ein Lichtblick. Kinder haben nicht nach einiger Zeit genug voneinander und verlangen nach einem neuen Spielgefährten. Wie machen sie das, und was machen sie anders als die voneinander nicht mehr zum Spielen animierten Erwachsenen?

Nun, sie spielen richtig. Sie spielen mit Hingabe, mit Ernst, mit spielerischem Ernst. Ernstes Spiel und spielerischer Ernst sind auch Metaphern für Psychotherapie, die auf das Experimentieren mit Erlebensmöglichkeiten baut.

Das Erotische hat die gleichen Elemente an sich, die Kombination von Ernst und Spiel. Lang vor dem Hautkontakt. Und noch viel länger vor dem schon sarkastisch formulierten „Austausch von Körperflüssigkeiten“. Bei dem ich bis heute nicht verstehe, was sie für eine Flüssigkeit mit seiner austauscht. Selbst wenn man die auch einmal modern gewesene weibliche Ejakulation bedenkt, ist es doch trotzdem kein Austausch. Oder resorbiert er ihr Ejakulat über die Poren der Haut? Eklig! Vor allem eklige Begriffe!

Es geht offenbar nur um eine sexy Formulierung. Was auch schon wieder vor Dummheit strotzt, seit wann sind Begriffe sexy. Das Wort „sexy“ ist sexy, wahrscheinlich hat es deshalb die sinnfremde Verwendung als Qualifikation von Worten und Aussagen gefunden.

Über Sexualität zu sprechen, kann leicht geschmacklos werden, sei es eklig oder klinisch oder medizinisch. Oder psychologisch; und therapeutisch; am schlimmsten: psychohygienisch.

Alles anti-erotisch, und eben ernst ernst statt spielerisch ernst.

Doktorspiele

Jetzt fallen mir Doktorspiele ein. Und diese Witzzeichnungen, die es früher gab in den Illustrierten und in Witzbüchern, in denen alle Frauen schlanker und busiger als Barbie waren. Die waren wirklich anregend. Aufregend ist ein bißchen zuviel gesagt. Ein erregender Kitzel aber schon. Krankenschwestern gehörten auch dazu. Die gibt es auch in den erotischen Rollenspielen, so wie die Putzfrauen. Mein Gott, nein, nicht Putzfrauen, sondern Putzmädchen, und die heißen Stubenmädchen. Das heißt, die bezeichnete man so. Tut man noch immer, aber jetzt fällt mir dabei nur mehr eine unterbezahlte und unglaublichem, fast auf die Sekunde gemessenem Zeitdruck unterliegende Arbeit in einem Hotel ein. In den Zeichnungen waren es die Uniformen, immer ultrakurz zu den ultralangen Beinen. Vielleicht gibt es diese Illustrationen noch immer. Sie hatten einen kurzen Text dabei, eben einen erotischen Witz. Eher handfest, aber nicht obszön. Die selbstverständliche Objektivierung, aus der sich die Erotik ergibt. Light, sogar ultra-light, unschuldig, sehr reizvoll. Ist es fabrizierte Nostalgie oder stimmt’s, daß das eigentlich ein eigenständiges erotographische Genre war? Populär war es zweifellos, wohl nicht umsonst überall auf der Humorseite zu finden. Keine Nacktheit, nur Miniröcke und Ausschnitte und die leichten, extraschlanken, eleganten, aber atemberaubend schnittigen Kurven. „Schnittige Kurven“, das hab‘ ich ewig nicht gehört, sagt man das überhaupt noch außerhalb von Reminiszenzen?

Andächtig

Und wie spielt man ernst, wie geht das? Mit Hingabe, andächtig, vertieft, alles herum vergessend. So tun, als ob es nichts Wichtigeres gäbe, überhaupt sonst nichts. Und zugleich so unbefangen, leicht und nur zum Spaß, daß man jeden Moment wieder aufhören und was anderes tun könnte. Nur zur Unterhaltung, zum Zeitvertreib, zum blanken Vergnügen. Wie ein Zuschauer beim Geschehen, ein faszinierter Beobachter, neugierig, was sich da abspielt.

Wo man wie hinatmen muß, daß ein wie leichter oder heftiger Schauer über den Rücken rieselt, an welche Stelle im Nacken man beißen muß, daß es den anderen schüttelt. Diese Dinge. Wie tief und langsam man atmen muß, daß man es erträgt, wenn es einem durch und durch geht, ohne auf der Stelle aus der Haut zu fahren. Das alles. Diese Dinge, das alles und was sich sonst noch wie offenbart und entzieht und aufdrängt und anbietet. Ein Instrument der Empfindungen ist man dabei, ein Spieler auf Klaviaturen, die sich jedesmal anders präsentieren und verbergen, von den vertrauten Oktaven zu noch nie gehörten Klängen und Akkorden, Mißtönen und Dissonanzen, von Echos, Rufen, Schreien und Sirenenmelodien. Brisen, Winde, Böen, Stürme, Tornados und Orkane, alle Wetter, alle Stimmungen, der Sonnenschein auf der Wiese wie das Gewitter im Gebirge, der strömende Regen auf dem Blätterdach, die glühende Hitze der Wüste. Quellen, Bäche. Flüsse. Ströme. Wellen, Wogen, Fluten, Gezeiten, die sich sanft kräuselnde Meeresoberfläche, das träge Plätschern gegen das Ufer, das ohrenbetäubende, tobende Donnern gegen die Klippen. Das strahlende Türkis des Bergsees, das weißschäumende Brausen des Wasserfalls, die dunkle, kühle Tiefe unter sich. Die Linien, die Wölbungen, die Schatten, das Schimmern. Die Wellen, die Wogen, das Zittern, das Beben. Das Zucken, das Winden, das Wälzen, das Sichaufbäumen. Das Drücken, das Reiben, das Pressen, das Drängen. Das Zarte, das Harte, das Weiche, das Weite, das Verlieren, das Wiedergewinnen. Und so weiter, und so fort. Zögernd und erbarmungslos und alles zwischendrin und rundherum. Es gibt genug zu beobachten, genug zu schauen, zu spüren, zu horchen, zu tasten, zu halten, zu ergreifen und zu lassen. Genug für tausend und eine Nacht, und genug für tausend mal tausend und zwei.

Wenn man verspielt genug ist. Oder wird. Oder bleibt.

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Anmerkungen

1  Dazu gibt es einen Artikel auf diesen Seiten: „Die Lust ist raus bei ihm“

2  Zum Weiterlesen eignen sich: „Auseinandergelebt?“

 

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