Selbst ist der Mann? Nicht mit mir!

Der weitaus häufigste Fall der langfristigen Paarprobleme beziehungsweise der Begründung von Frauen für ihre Absicht, sich zu trennen oder scheiden zu lassen, ist gekennzeichnet durch ein Interaktionsmuster, in dem sie ihn mit Ansprüchen und Vorwürfen verfolgt und er sich dieser Verfolgung auf die eine oder andere Art entzieht.

Ihre Klage ist, er hört nicht auf sie, obwohl sie es ihm schon tausendmal gesagt hat und auf zig verschiedene Arten probiert hat, zu ihm durchzudringen. Aber er mauert, er entzieht sich, er flüchtet, er hört nicht zu, es geht ihm bei einem Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus, er läßt und läßt sich nicht auf sie ein, sie kann tun, was sie will.

Seine, wenn er vom Therapeuten gefragt wird, lautet, sie kritisiert ihn ständig, er kann tun, was er will, er macht alles falsch, es ist unmöglich, es ihr recht zu machen, sie findet immer wieder etwas an seinem Verhalten auszusetzen. Er hat es inzwischen aufgegeben, es überhaupt zu versuchen, weil es sowieso keinen Sinn hat.

In der Literatur zur Paartherapie figuriert das Geschehen als „Pursuer/Pursued“-Muster oder häufiger als „Pursuer/Distancer“ und ist wohl das auch außerhalb der Fachwelt geläufigste und populärste diagnostische Konzept zur Bezeichnung typischer Paarprobleme.

Die pseudologische und pseudopsychologische Standarderklärung

Es wird üblicherweise mit der Erklärung vorgestellt, daß es keinen Sinn hat, eine Interpunktion zu setzen, in der das Verfolgen die Ursache für das Sichdistanzieren wäre oder umgekehrt das Distanzzeigen die Ursache für das Verfolgen. Beide Verhaltensweisen sind jeweils die Auslöser füreinander, heißt es. Es ist eben ein sich wiederholendes Muster, ein Tanz der beiden Interaktionspartner, wie es Sue Johnson, die Mitbegründerin der „Emotion-Focused Therapy“ mit Vorliebe benennt.

Je mehr er sich distanziert verhält, desto mehr verfolgt sie ihn damit, daß er mit ihr reden soll, ihr zuhören und ihr seine Gefühle offenbaren. Je mehr sie ihn damit verfolgt, desto mehr macht er zu und entzieht sich.

Sie will mehr Nähe, er will mehr Distanz. Das ist die offizielle Interpretation, könnte man sagen.

Dann gibt es auch den Hinweis, es kommt auch geschlechterumgekehrt vor, um zu entkräften, was das Geschlecht damit zu tun hat. Denn wer modern ist, ist geschlechterblind. Außer er verfolgt eine löbliche ideologisch politische Agenda, in welchem Fall er von Geschlechterrollen spricht.(1)

Der psychologisch gesunde Menschenverstand wundert sich

Der Leser, der betroffene sowieso, aber auch der unbetroffene, mag fragend einwenden, inwiefern Kritisieren, Bekritteln und Bemängeln oder Ansprüche Stellen und Vorwürfe Machen ein Ausdruck von Nähe Wollen sein sollen.

Er mag so naiv und unbeleckt sein, daß er daran denkt, wenn er mehr Nähe zu jemand will, wird er sich hüten, denjenigen zu kritisieren oder gar ihm Vorwürfe zu machen, weil es doch von vornherein klar ist, daß man damit das Gegenteil erreicht, nämlich Rückzug und Distanzierung des anderen.

Und er mag auf die Idee kommen, daß man doch nicht jemand regelrecht verfolgen kann mit der Forderung, er soll einem besser oder mehr zuhören oder schon gar nicht damit, er soll einem sagen, was in ihm vorgeht. Das wäre doch eine Mißachtung der Selbstbestimmung des anderen, eine regelrechte Invasion, nicht nur eine Grenzüberschreitung.

Man müsse doch respektieren, wenn sich der andere nicht dafür interessiert, was man zu sagen hat und ebenso oder noch mehr und selbstverständlich es dem anderen selbst überlassen, ob und wieviel davon er einem mitteilen möchte, was er denkt oder fühlt.

Das gebietet doch die primitivste Höflichkeit, daß man sich nicht aufdrängt und daß man niemanden bedrängt. Jedenfalls nicht mehr ab dem Moment, wo man begriffen hat, daß der andere keine Lust zum Zuhören hat oder kein Bedürfnis sich mitzuteilen.

Es gibt eben Menschen, die das Herz auf der Zunge tragen und andere, die wortkarg sind. Und es gibt welche, die neugierig sind und alles Mögliche von anderen wissen wollen und solche, die kein gesteigertes Interesse daran haben, daß ihnen jemand sein Innenleben ausbreitet.

Der unbedarfte Leser mag auch feststellen, daß das Ausmaß des Redens über sein Innenleben mitnichten ein Maß für die Liebe, die Freundschaft, die Verbundenheit und die Vertrautheit mit dem anderen darstellt, genauso wenig wie das Interesse an der Selbstoffenbarung des andern es tut.

Daß es vielmehr um die innere Haltung und das Empfinden geht, wie wichtig einem der andere ist und wie nahe man sich ihm fühlt. Und daß sich das dadurch ausdrückt, wie man ihn behandelt, wie man mit ihm umgeht, daß man sich um sein Wohl bemüht und Rücksicht auf ihn nimmt und ihm Gutes tut.

Die Logik von Attacke und Flucht

Vereinnahmen und sich Entziehen sind so logisch verknüpft wie Angriff und Rückzug. Die Theorie, daß der Rückzug ebenso Anlaß für den Angriff wäre wie umgekehrt, fällt einem nur auf der Basis ein, daß der Angegriffene moralisch verpflichtet gesehen wird, sich dem Kampf auszusetzen. Das ist der pseudologische Haken in mechanistischen systemisch genannten Theorien von positiver Rückkoppelung, die nur für anorganische, apersonale, nichtsubjektive und nichtintelligente Protagonisten Erklärungswert haben.

Diese Präsupposition der Berechtigung des Angreifens und Stellens des anderen im ethischen Sinn wird nicht als solche thematisiert und schon gar nicht diskutiert. Da gibt es einen stillschweigenden Rekurs auf: Frauen brauchen das eben! Und um es zu verschleiern, wie oben schon erwähnt: Der Mensch braucht das eben!

Wenn der Mensch ein Mann ist und es nicht braucht, dann operiert man mit der Unterstellung, er sei sich seiner wahren Bedürfnisse nicht bewußt.

Und der Beweis für diese Theorie erfolgt dadurch, daß so viele Männer, wenn sie Sue Johnson und die Ihren durch die paatherapeutische Emotionsfokussierungsmangel gedreht haben oder Harville Hendrix und die Seinen durch die gegenseitige Therapeutenrollenspielerei, beipflichten, erst jetzt erlebten sie ihre wahren Gefühle und Bedürfnisse.

Das ist das regelmäßige Ergebnis jeder erfolgreichen Indoktrination unter massiver Bedrohung! „Zeige dich endlich verletzbar oder du wirst rausgeworfen! Es ist nämlich Schluß mit lustig!“ Das ist die Motivationslage der Ehefrau, die ihn ins Seminar mitbringt, das ist, was ihn zum braven Schüler des richtigen Ehemannseins macht.

Geschlechtsidentität empathisch beobachtet

Die Erklärung für das Pursuer/Distancer-Muster ist nicht kompliziert.

Die Frau mutet dem Mann zu, sich ihr gegenüber kommunikativ so zu verhalten, wie es unter Freundinnen üblich ist. Und definiert den Widerstand gegen diese geschlechtswidrige Zumutung um als Lieblosigkeit oder Distanzierung. Welche sie ihm dann scheinbar zurecht vorwirft. Als Sünde wider die Partnerschaft.

Stellt sich die Frage, ob die Männer von ihrer Seite den gleichen Fehler begehen, nämlich ihrer Frau zuzumuten, daß sie mit ihnen so kommuniziert oder, weiter gefaßt, interagiert, wie es unter eng befreundeten Männern üblich ist. Und für den Fall, daß sie der Zumutung nicht entspricht, ihr Lieblosigkeit vorwerfen oder mit sonst einem definitorischen Zwischenschritt Eheverfehlung anlasten.

Die Antwort ist nein, sie tun es nicht.

Womit wir auf des Pudels Kern kommen.

Brachial kategorischer weiblicher Imperialismus

Die Frau schwebt auf einer narzißtischen Wolke, die ihr von der feministischen westlichen Kultur in alles dominierender und durchdringender Propaganda als ihr legitimer Aufenthaltsort vorgegaukelt wird.

Auf dem Torbogen zum Wolkenkuckucksheim steht in goldenen Lettern, „Mein Wunsch zählt … weil ich es mir wert bin“

Der Mann hat zu tun, was sie von ihm erwartet, eigentlich ohne daß sie es nötig hätte, es überhaupt auszusprechen. Spätestens aber dann, wenn sie es ihm klipp und klar gemacht hat, was sie von ihm will, ist er moralisch verpflichtet, ihre Wünsche an ihn zu erfüllen.

Tut er es nicht, macht er sich der Majestätsbeleidung und des Hochverrats schuldig und verfällt der verdienten Strafe.

Gnädig, wie sie ist, gestattet sie ihm eine Bewährungsfrist, innerhalb derer er beweisen kann, daß er nach bestem Wissen und Gewissen alle seine Kräfte mobilisiert, um sich zu bessern.

Nutzt er die Frist nicht entsprechend, ist es allenfalls ihre endlose Großzügigkeit und edle Herzensmilde, die ihn noch eine kleine Weile vor dem nicht mehr abwendbaren Schicksal bewahrt.

Zuletzt aber wird er in die Verbannung geschickt.

Denn irgendwann reißt auch dem sanftesten Gemüt der Geduldsfaden.

Und Gerechtigkeit muß sein.

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Anmerkung

1  Die, wie man weiß, nicht sein sollten, nicht mehr, endlich nicht mehr. Außer austauschbar zwischen den Geschlechtern; je nach Vereinbarung je nach Gewinn für das benachteiligte Geschlecht. Das von allen von allem besonders betroffen genannt wird, weil die Benenner sich damit der ethischen Zuverlässigkeit brüsten zu müssen glauben. Schon allein wegen dem Bekenntnis zu den nichtöstlichen und nichtsüdlichen Werten, die wir seit der Erfindung der Pille tapfer hinter uns gelassen haben. Soll man ergänzen, samt der Sintflut? Nein, lieber nicht, von Dekadenz spricht man seriöserweise nur im historischen Rückblick. Das wäre ein Affront, eine ungeheuerliche Beleidigung sogar, den Fortschritt, auf den zu allen Zeiten und in allen Epochen immer alle felsenfest stolz sind, als rasanten Aufstieg zu neuen Gipfeln der Unmündigkeit abzuqualifizieren.

Es ist hier nicht der Anlaß, so genau zu schauen, daß man bemerkt, es geht um den alltäglichen heutigen Sexismus, um Geschlechterrollenneid und -mißgunst und die Erhebung dieser Laster zu Tugenden, wenn es die Frauen sind, welche die Männer beneiden. Schließlich sind die Frauen von der ungerechten Natur selbst benachteiligt – wie kommen sie eigentlich dazu, alle Kinder kriegen zu müssen? Warum hat die Natur das nicht halbehalbe organisiert? Patriarchat! Was soll man sonst noch sagen, die Sache ist klar. Und was ist mit Stillen? Und mit der Monatsblutung? Und mit der Menopause, den Hitzewallungen und all den vegetativen und emotionalen Irritationen? Und, und, und? Die Grenzen zwischen Ironie, Dummheit, Sarkasmus, Zynismus, Läppischheit und agitatorischer Schamlosigkeit sind schon längst so niedergetrampelt, daß man so und warum eigentlich nicht so argumentieren kann, ohne aufzufallen.

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