Scheinsystem und Systemschein

 

These, provokante, inspiratorische:

Wer Aus-, Weiter- und Fortbildungsscheine in systemischer Paartherapie und/oder Familientherapie erwirbt, ist in Gefahr, sich zum Experten für die Veränderung von Scheinsystemen zu qualifizieren und dem allgemeinen politisch korrekten Systemschein auf den Leim zu gehen.

 

Warum?

 

 

Der emanzipatorische Anstand

Weil die Compliance mit der zeitgeistigen Retter-Opfer-Täter – Ethik (Akronym: ROT-Ethik und: ROTE; wahlweiser Begriff: Viktimismus) es erfordert, die realen Machtverhältnisse in Paarbeziehungen und damit in Elternbeziehungen und in der Familie zu übersehen und fiktive, eben ROT-ethische, anzunehmen und zu behaupten.

Da die ursprüngliche Fassung der heutigen ROTE die feministische war und die nach wie vor grundlegende und beispielgebende ist, sind die Rollen von Mann und Frau hinsichtlich der ROT-Konstellation nicht austauschbar, obwohl die ROT-Ethik als solche davon unabhängig als Ideal und kulturdeterminierendes Glaubenssystem auch mit bezüglich der Geschlechter umgekehrter Zuschreibung von Macht und Ohnmacht – sowohl kategorial als auch individuell – anwendbar wäre.

 

Die zeitgeistige und die zeitlose Hypnose

In der paartherapeutischen Diagnostik als prozessuale Hypothesenbildung und deren Überprüfung mittels Interventionen zeigt sich die ideologische Voreingenommenheit darin, daß zwar auf der Ebene der beobachtbaren Interaktion beiden Geschlechtern je nach Situation die Strategien und Taktiken der Macht wie auch der Ohnmacht aus der empathischen Beobachtung unterstellt werden, aber bezüglich der Ebene der prä-interaktionalen Beziehungspositionen gezielte Ignoranz der Beobachter der Normallfall ist.

Die Ignoranz herrscht deshalb, weil andernfalls das feministische ROT-Modell als regelhaft widerlegt erkennbar wäre.

Je öffentlicher die Diagnostik der Machtverhältnisse im Paar vorgenommen wird, zum Beispiel in Fortbildungsveranstaltungen auf Kongressen, an denen prominente Paartherapeuten ein Publikum von zumindest 50 bis 100 Kollegen vor sich haben, desto konsequenter ist die – offzielle, könnte man sagen – Ignoranz des Umstands, daß im Regelfall die Frau aus der Machtposition agiert und interagiert und der Mann aus der Ohnmachtsposition.

Polar dazu wäre die Intervisionsgruppe von einer handvoll Kollegen, wo sich der einzelne Paartherapeut unter Umständen noch leisten kann, dieses Phänomen des Paarsystems in seinem so Sein bewußt wahrzunehmen und zu benennen, falls die Gruppe die entsprechende Distanz gegenüber der feministischen Normativität toleriert. Andernfalls bleibt ihm nur der Rückgriff auf den Schein.

Der Schein ist präsentiert, weil die Frau ihn routinemäßig erzeugt und sich mit allen Wassern gewaschen als Opfer darstellt und gibt, und weil der Mann, wenn auch mit viel durchschaubarerer, weil ungeschickterer Verstellung, es seinerseits ebenfalls versucht, den bevorzugten Schein zu erzeugen, indem er seine – eigentlich vorhandene, wenn auch nicht im Augenblick zugängliche – Stärke und Unabhängigkeit postuliert und simuliert.

Sie zeigt sich nicht freiwillig von vornherein stärker als er, und er nicht von vornherein schwächer als sie.

Der Therapeut ist im Konflikt zwischen seiner empathischen Beobachtung und, so wie es immer der Fall ist, der Präsentation des Scheins seitens der Klienten, aber zusätzlich rät ihm seine mehr oder weniger integrierte und idealisierte feministische ROT-Ethik auch ohne die physische Anwesenheit der Normkontrollinstanz Intervisionsgruppe im eigenen Therapieraum, sich auf die Seite des ideologiekonformen Scheins zu schlagen.

Frauen sind dabei im Prinzip die besseren Beobachter, weil sie es sich leichter leisten können, die andere Frau gegebenfalls als „abgefeimte, falsche Schlange“ zu betrachten. Es steht ihnen kein instinktives Tabu entgegen, nur das politische und ideologische und der Selbstwertgewinn aus der Identifikation als Feministin.

Männliche Therapeuten hingegen müssen immer auch zuerst ihre instinktive Rettermotivation, mit der sie automatisch auf den Appell der Opferattitüde einer Frau reagieren, in Schach halten, um sich ein in der Wahrnehmung gegründetes Urteil darüber zu bilden, wer da inwiefern tatsächlich Opfer oder Täter, ohnmächtig oder übermächtig, hilflos oder souverän ist.

 

Der Elefant im paartherapeutischen Raum

So läßt sich beobachten, daß eben in größeren Fortbildungsveranstaltungen mit Saal und Bühne, wo Diagnostik und Intervention im Rollenspiel paartherapeutischer Sitzungen demonstriert werden, eine Trance des Systemscheins manifestiert und in ein Scheinsystem hineininterveniert wird. Mit entsprechenden Scheinlösungen von Scheinproblemen.

Dabei wird durchaus neutral, ohne Ansehen des Geschlechts, auf interaktive Manipulationen und Selbstmanipulationen hingewiesen, wie sie beispielsweise geheimgehaltenen Zwecken des Gewinns aus Nichtveränderung und des Vermeidens des Preises für Veränderung dienen, aber der Elefant im Raum bleibt unbenannt, als ob ungesehen, als wäre er unsichtbar.

Grob plakativ die Metapher weitergeführt, aber nicht ohne reizvolle Zutreffendheit verbildlicht, bespricht man, wie der Mann sich vom Urteil und der Erlaubnis der Frau abhängig und schwach gebärdet, statt seine Stärke selbst zu aktivieren und ihre authentischen, entgegenkommenden Angebote mißachtet, aber keiner weist darauf hin, daß die Frau auf dem Rücken eines Elefanten thront, und der Mann auf einem Stuhl zu ebener Erde sitzt.

 

Illustrationen: Fallbeispiele im Rollenspiel

 

Fallbeispiel 1: Inzest voraus

Sie beklagt, daß sie den Plan hat, ihn mit einer Umarmung zu begrüßen, wenn er von der Arbeit heimkommt, aber dann schafft sie es nicht, wenn sie seine hängenden Schultern sieht, „Das ist nicht der Mann, den ich geheiratet habe! Der hatte strahlende Augen!“

Er beklagt, daß er nicht anders kann, als die Schultern hängen zu lassen, wenn er daran denkt, daß sie schon bei der Tür ihn mit ihren Erwartungen überfällt, wo er doch müde ist und erst einmal vom Streß runterkommen möchte.

Man einigt sich mithilfe des Therapeuten darauf, daß sie ihm eine Viertelstunde Zeit zum Entspannen läßt, bevor sie von ihm was will. Der Therapeut erinnert die Zuschauer später daran, daß er zwar eine halbe wollte, aber immerhin.

Aber der berührende und sensationelle Höhepunkt und Schlußakt des kurzen paartherapeutischen Dramas kam dadurch zustrande, daß sie ihm sich, die Frau, die sie ist, als Gabe anbot und er von diesem Offert überwältigt sich ihr zuwandte, was damit endete, daß sie einander sitzend an den Händen hielten und sie ihn mit intim beschwörender Gefühlsschwangerheit flüsternd ermutigte, „Wir zwei schaffen das schon!“ und er mit schon vor ihn überkommender Rührung brechender Stimme treuherzig wehrlos antwortete, „Ja, zusammen können wir das!“

Demonstrator und Publikum zeigten sich temperiert begeistert, wenn es in realen Sitzungen auch höchst selten so verläuft, so sollte man an so einem Punkt die Sitzung beenden, weil sie derart in Berührung miteinander seien, daß der Therapeut nur stören würde, jedes weitere Intervenieren wäre Zerreden.

 

Was wurde geflissentlich ignoriert?

Die ganze Zeit über und kulminierend in der Intimszene am Schluß war die Frau in der mütterlichen Rolle und der Mann in der des Sohnes. Am Ende sprach die Mutti gar dem Dreijährigen tröstenden Mut zu, er wird sehen, es wird wieder schön bei ihnen zuhause.

Durch die wechselnden Positionen von Hilflosigkeit, Trotz, Resignation, Einlenken hindurch hatte sich eines nicht geändert – die Frau hatte das Heft in der Hand und probierte eine Strategie nach der anderen aus, den Mann dorthin zu kriegen, wo sie ihn haben will.

Diejenige mit dem zugleich erbärmlichen und mitleiderregenden wie obszön übertriebenen Härtetest seiner Selbstbehauptungsstärke im Trotz, „Da hast du mich mit Haut und Haar! Nimm mich und ich bin dein!“ war ihm eine ganze Dimension zu intensiv, ihr zu widerstehen – was für ein undankbarer Fratz und was für ein herzloser Grobian wäre er, wiese er das frivole Angebot zurück und schlüge die einmalige Chance der Gunst des Moments aus!

Wo sie sich doch so dermaßen erniedrigt hat, daß sie bei diesem Mut der Verzweiflung einfach schon allein aus Gründen des Takts davor bewahrt werden muß, das Gesicht zu verlieren. Vor allem, wie könnte sie eine derart tief verletzende Zurückweisung je verwinden, wie könnte sie ihm eine solche Beleidigung je vergessen! Es war ein Vabanquespiel, aber der Therapeut war auf ihrer Seite, und der Suizid drohte nicht wirklich ausschließbar am Ende der Reaktionskette, wäre sie zurückgewiesen worden.

Sie hat ihn überrumpelt und überwältigt, sie hat ihn besiegt, er ist jetzt ihr Sklave, wie das früher so war für den Verlierer im Krieg. Seine Stimme zittert kurz vorm Brechen, weil er ihr jetzt mit Haut und Haar ausgeliefert ist, wird sie ihn bei lebendigem Leib noch während des Koitus verspeisen? Kann er sich je wieder aufrappeln und einen erwachsenen Mann spielen?

Eine schon in der Steinzeit gern zum Einsatz gebrachte Tool-Kombination aus dem Werkzeugkoffer der Männermanipulation, die unerwartete radikale taktische Wende zur entwaffnenden bedingungslosen Lockung: Tu‘ mit mir, was du willst!

Unmittelbar gefolgt von der Infantilisierung des gerade noch zum despotischen Herrn und Gebieter erhöhten Helden als Mutti, die sich auf Augenhöhe zum überforderten Buben herunterbegibt, der ihren Trost, ihren beruhigenden und ermutigenden Zuspruch braucht.

Außer Inzest ist danach nichts mehr möglich.

 

Fallbeispiel 2: Intimdienstpflichtultimatum

Sie hatte vor einem Jahr eine Affäre von einem dreiviertel Jahr Dauer beendet, seit einem halben Jahr waren sie und ihr Mann in Therapie, es herrscht Stagnation. Konkret: sie schlafen noch immer nicht miteinander, das letzte Mal vor einem halben Jahr. Er sagt, er kann irgendwie nicht, obwohl er will.

Sie kommen an den Punkt, wo er möchte, daß sie ihn gegen seine Sperrigkeit verführt, sie sieht eigentlich nicht ein, daß immer sie die Initiative ergreifen soll, schließlich „hat sie sich doch für ihn entschieden“ und deswegen die „geile“ Affäre beendet.

Die üblichen naheliegenden Vermutungen, er will sich noch rächen, werden im Kommentieren genannt. Am Ende einigt man sich im Rollenspiel auf einen Arbeitsplan für die nächsten Sitzungen: Zuerst soll es darum gehen, was er noch braucht, um ihr verzeihen zu können, danach um die Sexualität von heute, in die Zukunft hinein, statt um die Wiederaufnahme der von damals.

So weit, so gut.

 

Was hier überhört und übersehen wurde?

Daß sie es als Gnadenakt definiert, den geilen Typen um ihres Ehemannes willen fallengelassen zu haben, und es unverschämt von letzterem sei, wenn er sich dafür nicht erstens dankbar und zweitens befriedigungsehrgeizig ihr gegenüber erweise. Was sie mit vollständigem Verlassen zu quittieren androht, sollte er sich nicht bei Zeiten auf seine Pflichten besinnen. Schließlich will sie auf ihre Kosten kommen.

Statt dessen wurde seine Rache, sein Nichtverzeihen thematisiert, als ob es im luftleeren Raum hinge, was den der Beziehung betrifft, und eine bloß intrapsychische Rechnungsspielerei wäre.

Vom Therapeuten insinuiert, macht sie ihm zwar das Kompliment, er wäre noch immer ein attraktiver Mann, aber genauso könnte man sagen, in der Not frißt der Teufel Fliegen.

Das Verzeihen verdient unsere Aufmerksamkeit. Man kann nicht sinnvollerweise jemandem etwas verzeihen, das der nicht als Vergehen auffaßt und wofür er sich weder schuldig fühlt, noch schämt, was er nicht als Sünde einsieht und nicht bereut.

Es gibt in so einem Fall nichts zu verzeihen auf der Basis von gemeinsamer Haltung zur Vergangenheit und zu einer moralischen Norm.

Sie hat’s eben gebraucht und bei ihm nicht bekommen, also sich woanders geholt. Das tun starke Frauen so, was will er eigentlich von ihr, sie ist kein unterwürfiges Weibchen und hat es auch nie von sich behauptet!

Sie nimmt die Position der souveränen Herrin ein, die dem von ihr abhängigen Sklaven einen Gefallen getan hat.

Und zurecht, kann man sagen. Denn nicht er hat von ihr verlangt, mit dem Ehebruch umgehend aufzuhören, sonst …! Sondern: sie „hat sich entschieden“. Nach Berechnung aller Für und Wider Gewinne und Kosten der Alternativen abgeschätzt und unterm Strich die Ehe ohne die Affäre als ökonomischere beurteilt. Das war alles. Zumal der Ehemann doch nun automatisch seine sexuellen Dienste auf Vordermann bringen muß, wenn er nicht noch einmal der Betrogene sein will!

Ihre Empörung besteht darin, daß er ihr einen Strich durch die Milchmädchenrechnung macht. Was zwar gemein ist, aber im Krieg erlaubt.

Und Krieg ist es geblieben.

Kalter halt. Sie haben sich beide in ihren Gräben eingerichtet.

Geplant ist vom Therapeuten, daß er heraus muß aus seinem. Indem er Verzeihen als Ziel definieren ließ.

Hätte er Bereuen als Ziel definiert, wäre die Frau am Zugwang der Veränderung. Das fiel ihm nicht ein, weil er auf Granit gebissen hätte.

Also setzt er auf die Sklavenhaltung des Mannes. Auf dessen Feigheit und Würdelosigkeit, kann man auch sagen. Damit sie ihre Überheblichkeit und Herrinnenattitüde behalten kann. Und pragmatisch hat er recht. Der Sklave ziert sich noch ein bißchen, aber bevor er überhaupt leer ausgeht, spielt er rechtzeitig Verzeihung, immerhin hat er dann eine Chance auf ihre Zufriedenheit mit seinen sexuellen Leistungen. Eine gewisse, denn naheliegenderweise kann sie es auch so spielen, daß es damit endet, daß sie die Geduld mit ihm endgültig verliert und ihn als sexuell ungenügend ad acta legt. Sobald halt unterm Gesamtstrich sich die Scheidung für sie auszahlt.

Der Mann würde als Mann für sie nur dann wieder begehrenswert, wenn er von ihr eine ernsthafte Reue verlangt und eine glaubwürdige Bitte um Verzeihung – das gekoppelt mit der in Aussicht gestellten Konsequenz, andernfalls die Scheidung einzureichen.

Dann läßt sie es aus Trotz vielleicht trotzdem darauf ankommen, aber er hat seine Würde und weiß bei der nächsten Frau, worauf es ankommt.

Aber ob er für sie begehrenswert ist oder nicht, ist unerheblich, denn indem er seine Abhängigkeit von ihr beendet, ist er auf dem Weg zur männlichen Souveränität. Und sein Begehrenswert hängt davon ab, nicht vom Geschmack oder der Kosten/Nutzen-Rechnung irgendeiner, die einen leistungswilligen Orgasmuslieferanten sucht.

Souveränität kann er allerdings auch ohne ihre Reue konstellieren, indem er zum Beispiel ebenfalls auf die pragmatische Berechnung zurückgreift. Oder seine Würde unabhängig von ihrer Überheblichkeit sieht.

Es geschehen schließlich manchmal Zeichen und Wunder.

Ohne Derartiges ist absehbar, daß er den ehrgeizig bemühten Dienstmann im Intimbereich abgeben wird, solange sie das goutiert, und sich mit wohlfeilen Bestätigungen als Belohnung zufriedengibt.

 

Fickenswert und Fickwürdigkeit

In beiden Fallbeispielen ging es um den Fickenswert. Vorgeblich beider Geschlechtsrepräsentanten, aber pointierter und fokussierter jeweils um den des Mannes.

Was Wunder, die Frau von heute ist no-na sowieso attraktiv. Der Mann? Na ja!

Aber ganz geschlechtergerecht hat der Therapeut beide gefragt, ob sie den anderen attraktiv finden. Die Männer hätten sich eher öffentlich auspeitschen lassen, als die Frage zu verneinen oder nur mit Einschränkungen positiv zu beantworten.

Das verläuft nach dem Muster der Frage der Frau an den Mann nach der etwaigen Unansehnlichkeit ihres Hinterteils in der neuen Jean.

Und umgekehrt?

Auch ihm wurde in beiden Fällen die Fickwürdigkeit bestätigt. Was wieder kein Wunder ist, hatten wir doch auch in beiden Fällen die Verweigerung des Geschlechtsverkehrs von seiten des Ehemannes und das Begehren danach auf der Seite der Ehefrau.

Und der Vollständigkeit halber, natürlich ist die männliche Verweigerung ein Affront, den keine Frau einfach wegsteckt. Sie läßt keiner Ruhe, solange sie eine Chance sieht, ihn dazu zu veranlassen, ihr an die Wäsche zu gehen. Mit weniger Aufwand, als ihn eine Affäre mit sich bringt, heißt das.

Daß der mit der Postaffärengattin an seiner sexuellen Attraktivität für sie zweifelt, ist auch unumgänglich, beim anderen war es nicht so eindeutig nachvollziehbar. Allerdings war ihre Auskunft, sie hätte zwar den Plan, ihn zu umarmen, aber an der Verwirklichung scheitere sie jedesmal bei seinem Anblick, durchaus eindeutig; und dazu passend meinte er, sie sei so demonstrativ abweisend, wenn er sie körperlich zu kontaktieren versucht.

Wir haben also zweimal das gleiche Ausgangsszenario. Die Frau vermittelt dem Mann, sie kann auf seinen Body gut und gerne verzichten. Einmal mit dem Zusatz, ich hab‘ mir einen geileren gefunden, das andere Mal ohne diese Steigerung, aber mit konsequenter Ekelreaktion.

Danach vergilt er ihr Gleiches mit Gleichem und redet sich aus, er kann aus psychischen Gründen nicht, bei allem gutem, sogar bestem Willen.

Beim ersten kam die Provokation vom Therapeuten, ob er sie als Vorsitzende der Männlichkeitsprüfungskommission anerkennen oder sogar dazu ernennen will, oder ob er sich selber in seiner Attraktivität beurteilt. Es blieb bei der Drohung, er müsse sich als selbstvalidierend beweisen. Die Frauen wurden trotzdem beide animiert, ihrem Mann ein positives Gutachten auszustellen.

Was für eine vertane Chance!

Das wäre ein Schritt aus der Abhängigkeitspositionierung in die Unabhängigkeit gewesen. Sein Nichtvollzug kein Problem, sondern Demonstration, woran es hapert, sein künftiger Vollzug vom Therapeuten zu definierendes Entwicklungsziel.

Damit wäre auch das Entscheidende für den Topos der gegenwärtigen, heutigen und morgigen versus der gestrigen und vorgestrigen Sexualität genannt gewesen.

Auch der vorher geplante therapeutische Arbeitsschritt im zweiten Paar, nämlich des Mannes scheinbar noch unerklärte Behinderung zur sexuellen Initiative der Rückkehrerin gegenüber zu untersuchen, war undeklariert schon geschehen:

Sie soll sich gefälligst die Mühe machen, mich herumzukriegen, wenn ihr der Sex mit mir tatsächlich so ein Anliegen ist, wie sie behauptet!

Und zusätzlich:

Worte sind billig. Fände sie mich wirklich begehrenswert, wäre es ihr keine unliebsame Anstrengung, mich erfolgreich zu verführen!

Oder:

Man sieht ja, wie wenig sie mich begehrt, nämlich daran, wie wenig Mühe sie sich macht, mich ins Bett zu kriegen!

In der Integration der Subthemen zur Sexualität, die er sich für die Zukunft vorstellt:

Sie zeigt mir, daß sie mich begehrt, indem sie mich entschlossen verführt, statt meine Dienste als Rechtsanspruchserfüllung zu verlangen! (Vgl. oben: Sie „will auf ihre Kosten kommen“!)

Er will also schon die ganze Zeit eine erotische und leidenschaftliche Sexualität, nicht bloß eine eheliche Pflichterfüllung. Und arbeitet an der Verwirklichung seiner Hoffnung, indem er hard to get spielt.

Wäre der Therapeut darauf eingegangen, hätte sich damit die Machtpositionslage entweder geändert oder als rigide bestätigt: Statt der Situation, sie verlangt was von ihm, was ihr zusteht, und er verweigert seine Pflicht, hätte entstehen können: Er verlangt was von ihr und sie muß Farbe bekennen!

Je nach ihrem Bekenntnis, wäre ein Quantum offensichtlicher machtdynamischer Realität eingekehrt. So blieb sie offiziell im Dunklen.

Die Compliance mit der kategorischen kategorialen Opfer-Identität der Frau samt ihrem Recht auf moralische Erpressung des Mannes aus dem politischen Dogma hat diese Klärung verhindert. Auf allen Seiten.

Aber wer, wenn nicht der Therapeut, ist für die dramatische Inszenierung der Chance zur Aufklärung zuständig?

Wer, wenn nicht der Therapeut ist dazu da, die Inspiration zu geben und die Kondition zu konstellieren, Scheinsysteme und Systemschein auf das Sein zu bringen?

Dieser Aufgabe kann er sich nur dann entschlagen, wenn er sich als ethisch nicht urteilsberechtigt versteht, so, als ob er verfälschte Darstellungen der Beziehungrealitäten und unmoralische Ziele des Paares zu unterstützen hätte.

Das wäre allerdings selbst aus funktionalen beziehungsdynamischen Gründen unangebracht, weil Falschheit und Ungerechtigkeit unweigerlich das Potential zur Würde, Achtung und Selbstachtung begrenzen und daraus vermeidbares Leid und überflüssige Leidverursachung etablieren.

Abgesehen davon, daß er selbst seine Würde, Achtbarkeit und Selbstachtung den Geiern zum Fraß vorwürfe.

 

„Fucked by the System“ oder „Fuck the System!“

Ein psychotherapeutischer Ansatz, der Authentizität als inhärentes Ideal der Qualifikation des Therapeuten aufweist, sollte genug sein, um Ausbildungskandidaten vor der moralischen und daraus der intellektuellen Korruption durch Ideologien zu warnen und dagegen zu wappnen.

Jedenfalls dann, wenn, das kontemplative Selbstgewahrsein (zum Beispiel unter dem Begriff empathisches Verstehen des eigenen Erlebens) und die ebenso kontemplative Beobachtung des anderen zu schulen, als eine Voraussetzung dafür gehandhabt wird.

Zusammen mit dem Mut und der Tapferkeit, das ethische Ideal der Wahrheit und Wahrhaftigkeit wie der Gerechtigkeit und Liebe auch gegen Nachteile und Unbill zu verfolgen, sind dann die institutionellen Korruptionen, die sich wie die Fahne nach dem jeweiligen politischen Wind richten, erstens als solche zu erkennen und zweitens bis zu einem gewissen Grad im mehr oder weniger heroischen Widerstand aus der therapeutischen Arbeit herauszuhalten.

Der ethisch motivierte Widerstand gegen moralisch korrupte Machtstrukturen ist zwar kein speziell auf die Psychotherapie gemünztes Ideal, aber in einer Zeit, wo das Persönliche und Private bis ins Intime und Intimste unter den Zugriff der Politik geraten ist, ganz besonders relevant und kritisch für eine tatsächliche statt bloß ideologisch und politisch deklarierte wie präskribierte – und de facto unmoralische – Berufsethik.

Im aktuellen Zeitgeistfall ist diese Pseudoethik eben der oben genannte Viktimismus, die Privilegierung derer, die der Zumutung der Zeiten willfahren und auf die Zugehörigkeit zu ideologisch und politisch affirmierten Opferklassen als Machtmittel im Persönlichen so wie im Politischen – per Anspruch auf reparative Privilegien und moralische Autorität – setzen.

Darüber hinaus geht die Verführung des Zeitgeistes ganz allgemein dahin, das Prinzip der moralischen Erpressung aus der Einnahme der Opferposition adhoc und gewohnheitsmäßig als ethische Norm in den persönlichen Beziehungen und Interaktionen zu behaupten, auch unabhängig von irgendwelchen Klassenzugehörigkeiten, ganz nach dem ubiquitären Interaktionsspiel, das schon kleine Kinder gegenüber größeren im Appell an die Erwachsenen als Retter der Opfer und Verfolger der Täter  beherrschen.

 

 

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