Pragmatische Theorie zur Paarbeziehung

Die Frage, wie Liebesbeziehungen auf die Dauer gut verlaufen, läßt sich pragmatisch beantworten mit dem Hinweis darauf, daß es davon abhängt, in welcher grundlegenden Absicht und mit welcher grundlegenden Haltung man sie gestaltet.

Absicht und Haltung legen den Grund

„Fürs Leben – komme, was da wolle!“, ist die Absicht als Grundlage und Hintergrund; „Es liegt an mir“, ist die Haltung, mit der man vor diesem Hintergrund das Bestmögliche daraus macht.

Die Grundabsicht läßt sich entsprechend der Passage in der Ehegelöbnisformel „in guten wie in schlechten Zeiten“ auf den Punkt bringen.

Die Grundhaltung, in der man handelt und sich verhält, mit den Empfehlungen „Liebe den anderen wie dich selbst!“ oder „Behandle den anderen so, wie du selbst von ihm behandelt werden möchtest!“, in positiver Vervollständigung zum geläufigen Spruch „Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu!“, im Sinne der sogenannten Goldenen Regel.

Soweit nichts Weltbewegendes, nichts Neues, scheinbar auch wenig Effektives, denn dergleichen ist gut zweitausend Jahre im Umlauf, und die Gegenwart der westlichen Kultur hat trotzdem das Scheitern von Paarbeziehungen zur fünfzigprozentigen Chance für die hoffnungsvoll beginnenden Liebenden gemacht.

Die Goldene Regel zu beherzigen, ist am Anfang der Liebesbeziehung ein spontanes Bedürfnis, sogar in der Weise, daß man darauf bedacht ist, dem anderen die Wünsche von den Augen abzulesen und gar nicht daran denkt, ob man selbst dabei eventuell zu kurz kommt. Die Liebe pur kennt kein Geschäft, sie verlangt nach keiner Gerechtigkeit in Pflichten und Rechten, sie ist selbstlos von vornherein und damit nicht nur zufrieden sondern voller Ehrgeiz und Enthusiasmus im Sorgen für die Freude und das Wohl des Geliebten.

Wenn nur die Zeit nicht wär`

Die Zeit verlangt ihren Zoll, und er ist alles andere als beglückend. Mit der Zeit eben, wenn nur genug von ihr verstreicht, erkennt man sich selbst nicht mehr, wenn man darauf achtet, aber man erkennt vor allem den andern nicht mehr, in den man sich verliebt hatte, den man eigentlich und fast nicht mehr vorstellbar doch ursprünglich bedingungslos liebte.

Das kritische Betrachten seiner selbst scheint überflüssige Mühe angesichts der augenfälligen, unübersehbaren Veränderung des anderen zum Schlechteren, wenn nicht sogar zum Unerträglichen und Unzumutbaren.

Damit ist eine allgemein zu beobachtende flagrante Mißachtung der Goldenen Regel benannt, die konkretisiert hieße, „Kritisiere den anderen nicht schärfer, als du von ihm kritisiert werden möchtest!“

„Ja, gut, schon – aber mein Gott, moralische Regeln hin oder her – das, sowas, Derartiges ist so jenseits des Hinnehmbaren, da pfeif‘ ich auf großartige Moral meinerseits! Da ist der andere zu mahnen, da muß er erst einmal selber sich auf die Goldene Regel besinnen. Und dann, wenn er sich gebessert hat, bin ich meinetwegen auch dazu verpflichtet.“

Erst muß der andere sich verändern, dann erst ich mich – vielleicht – auch. Das ist nur recht und billig. Schließlich bietet er Indiskutables, Unerträgliches, ja Himmelschreiendes, und noch dazu verstockt und unberbesserlich, gedankenlos, lieblos, rücksichtslos und egoistisch.

Das Unrecht, das zum Himmel schreit

Himmelschreiendes Unrecht wird uns angetan, dessen sind wir uns gewiß. Dagegen sind unsere eigenen typischen Fehler harmlose Unaufmerksamkeiten und verzeihliche Schwächen. Ansonsten ist uns nichts vorzuwerfen, denn der Rest ist notwendig gewordener Selbstschutz. Für den der andere die Verantwortung trägt.

Eines schönen Tages ziehen wir Bilanz und kommen zum bitteren Schluß, daß es so nicht weiter geht. Entweder es ändert sich was, und zwar entscheidend, oder. Oder das war’s, so sehr es schmerzt, so wenig wir es uns je vorstellen konnten, so leid es uns tut. Es reicht. Es ist zu viel. Es ist endgültig zu viel.

Wir sind erschöpft, ausgepowert, am Ende unserer Kräfte, am Ende unserer Geduld sowieso schon längst, aber wir haben gute Miene zum bösen Spiel gemacht, alles ertragen, alles versucht, den anderen dazu zu bringen, daß er zur Einsicht kommt, es hat alles nichts gefruchtet, es war letzten Endes verlorene Liebesmüh‘, umsonst, wir hätten es uns genausogut sparen können.

Uns ist nichts vorzuwerfen, höchstens Naivität, höchstens zu viel Nachgiebigkeit, zu viel Entgegenkommen, zu viel Toleranz, zu viel Verzichten auf das, was unser gutes Recht gewesen wäre, zu viel Geduld, zu viel blindes Hoffen, zu viel Liebe. Ja, zu viel Liebe. Oder vielleicht doch nur zu viel Sentimentalität, weil wir nicht einsehen wollten, daß der Zug längst abgefahren war und uns stattdessen an einen Strohhalm nach dem anderen geklammert haben.

Die Frage der Gerechtigkeit

Theoretisch gefaßt, es geht um die Dimension der Gerechtigkeit als das entscheidende Kriterium für das Gutgehen oder schlecht Ausgehen langfristig gemeinter Partnerbeziehungen.

Daran scheiden sich die Liebenden, nunmehr mutiert zu gegenseitigen Anklägern und Angeklagten und zugleich zu gegenseitigen Richtern.

Die nach dem unbeteiligten Dritten als Oberrichter rufen, der ihnen mit seiner Autorität Recht geben soll. Sodaß endlich und endgültig nicht mehr bestritten werden kann, was sie die längste Zeit schon wußten, nämlich daß sie objektiv im Recht waren und der andere objektiv im Unrecht.

Daran, und das ist der tausendmal in die falsche Richtung gesetzte Schritt davor, schieden sich die Geister der beiden schon so lange Zeit. In der Beurteilung der Gerechtigkeitsfrage, in der Beurteilung der Schuldfragen, immer wieder. Und immer wieder endend mit bitterem Groll, der jedesmal mehr und bitterer wird – als unweigerliche Folge.

Ganz anders diejenigen, die nach fünfzig Jahren noch zusammenleben und sichtlich in Liebe verbunden statt bloß in Gewohnheit. Sie haben die Schuldfragen jedesmal wieder gelöst, sie haben sie nicht zu lange anstehen lassen und sie haben nicht zu dickköpfig darauf beharrt, ihren Standpunkt durchzusetzen.

Sie haben die Sorge um die Gerechtigkeitsfrage als entscheidend verstanden und darauf geachtet, daß sie nicht mit der Zeit in eine Schieflage und ins chronische Ungleichgewicht gerät.

Das bedeutet nicht, daß sie von vornherein moralischer und liebevoller eingestellt waren als die Heutigen, sondern daß der Rahmen, den sie vorfanden, als sie sich aufeinander einließen und einander verpflichteten, Trennung und Scheidung beinahe ausschloß als gangbaren Ausweg angesichts unüberwindlich erscheinender Konflikte oder unerträglich erscheinender Frustration.

Der igwisZ-Rahmen

Den igwisZ-Rahmen, den sie von der Gesellschaft als Norm zur Verfügung gestellt hatten, müssen sich heutige Paare aus eigener freier Entscheidung geben, wollen sie seinen Schutz, Halt und Segen genießen. Womit sie zugleich seine Drohung des lebenslangen Unglücks, des mit Vorliebe an die Wand gemalten Aneinandergekettetseins und des Lebens in kalter Feindschaft oder zumindest entfremdeter Distanz und dem entsprechenden Unglück und dem Elend der stummen Verzweiflung, in Kauf nehmen.

Aber gerade diese Drohung hat die Schreckensmacht, die beiden zu bewegen, alles zu tun, und durchaus mehr als das auf Anhieb menschenmöglich Erscheinende, sie nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Die fortlaufende Sorge um die Erhaltung der Gerechtigkeit kann man auch ohne das vorgegebene oder freiwillig auf sich genommene Schicksal des „Lebenslang!“ erfolgreich bewerkstelligen, aber die Motivation für die dafür notwendige Selbstdisziplin und das dafür notwendige Engagement mobilisieren nur wenige, wenn es nicht im eigenen Interesse sein muß. Denn es geht um lebenslange Selbstdisziplin und lebenslanges Engagement, jedenfalls entsprechend der Lebenserwartung und tatsächlichen Lebenszeit des anderen.

Unter dem Einfluß des narzißtischen Ethos der Gegenwart erscheint das geradezu unmenschlich und menschenunwürdig, grausam und brutal.

Soweit denkt selten einer, daß es das beste Rezept für das ganz persönliche, langfristige und lebenslange Glück sein könnte, das beiden daraus erwächst.

Damit das Gegenteil von unmenschlich und menschenunwürdig, grausam und brutal – nämlich tiefer und umfassender verantwortlich der menschlichen Natur in ihrer nicht hintergehbaren Schwäche gegenüber der Versuchung des Egoismus und Egozentrismus gerecht werdend und der Würde des Menschen damit den angebrachten Respekt entgegenbringend.

Die falschen Modelle des Zeitgeists

Ebenso bedeutsam ist der Umstand, daß der Idee, zusammenzubleiben, bis daß das Ende der Liebe uns scheidet, ein zwar idealistisch aber damit eben bloß ideologisch motiviertes, willkürliches und leider psychologisch falsches Modell des Phänomens Liebe und ihres Bestehens und Vergehens zugrundeliegt.

Noch weiter in den Irrtümern des Zeitgeistes, aus denen heraus das längerfristige Scheitern von Paarbeziehungen genauso wahrscheinlich geworden ist wie das Gelingen: Nicht nur das kulturell aktuelle Modell der Liebe ist psychologisch falsch sondern auch das Modell der Partnerbeziehung insgesamt, und zwar von A bis Z, vom allgemeinen menschlichen Bedürfnis danach bis zu den daraus sich ergebenden Glücksmöglichkeiten und Unglückswahrscheinlichkeiten.

Dummerweise sind die Psychologen und Psychotherapeuten ebenso wenig gegen die normative Macht des Zeitgeists gefeit wie sonst jemand, woraus sich der ernüchternde Befund erklärt, daß die Modelle und Methoden der gegenwärtig modernen Schulen der Paartherapie unter den gleichen ideologisch bedingten Fehlinterpretationen und selektiven Blindheiten leiden wie die Annahmen und Sichtweisen ihrer Klienten.

Das ist darüber hinaus pragmatisch selbstverständlich, denn Dissidenz zum Zeitgeist, insofern er in öffentlichen und staatlichen Normen kristalliert ist, kann sich keine gesellschaftlich bedeutsame und daher der normativen Kontrolle unterzogene Berufsgruppe erlauben, wollen ihre Mitglieder nicht das Risiko schmerzhafter Sanktionen auf sich ziehen.

Paartherapeuten sind besonders betroffen

Der Grund dafür ist der Fokus des Zeitgeists auf die Geschlechterbeziehungen mit den bekannten Ideologien der patriarchalen Unterdrückung, Ausbeutung und Entmündigung der Frauen durch die herrschaftsversessenen Männer, das seit Beginn der Zivilisation – daraus abgeleitet eine Kollektivschuld mit einem Opferkollektiv und einem Täterkollektiv – daraus ein in der weiblichen Geschlechtszugehörigkeit begründetes Recht auf Reparation, zu der Gesellschaft, Kultur und Staat moralisch verpflichtet sind. Zu der im besonderen Maße die Männer verpflichtet sind, was sich am klarsten auf den Punkt gebracht im bekannten Diktum äußert, „Die Frauen haben ihre Rolle geändert, die Männer haben sich dem anzupassen.“

Die Übersetzung in unzweideutiges Deutsch hört man selten. Auch nicht auf Englisch oder in sonst einer Sprache. Sie lautet: „Die Männer haben zu tun, was die Frauen von ihnen verlangen!“

Und noch viel seltener bricht jemand es auf das individuelle Paar herunter. Da heißt es: „Er hat zu tun, was sie von ihm verlangt!“

Es ist ohne weiteres offensichtlich, welche Probleme sich daraus ergeben, wenn der Mann sich nicht der Frau gehorsamspflichtig erweist sondern darauf besteht, die Rolle eines selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Erwachsenen ihr gegenüber einzunehmen.

Es ist ebenso offensichtlich, welche Probleme sich für Paartherapeuten ergeben, sollten sie sich die den Mann a priori zum Zögling oder Sohn und die Frau zur Erzieherin oder Mutter bestimmende öffentliche Normativität bewußt machen. Denn sie steht im unversöhnlichen diametralen Gegensatz zur existentiellen und psychischen Realität von Mann und Frau als zwei erwachsene Liebende und Beziehungspartner in einer geschlechtlichen Identität, Polarität und Komplementarität.

Die Paartherapie als Methode der Psychotherapie steht daher vor der höchst unbequemen Herausforderung, zumindest theoretisch, methodisch und praktisch dissident zum sozusagen offiziellen Normativ der Gegenwart zu operieren, will sie den Paaren sowohl als Beziehungspartnern als auch als Individuen gerecht werden.

Insoweit Paartherapeuten sich der Dissidenz entziehen, legen sie so wie die Politik, der Staat und die Öffentlichkeit die beiden Partner auf das Prokrustesbett und entwerfen aus der Notwendigkeit der Konsonanz die entsprechenden mystifizierenden Konzepte und Methoden ihrer Arbeit.

Entscheidend dabei ist, daß es nicht um bloße deklarative Ausweisungen geht sondern um praktische und konkrete Interventionsstrategien und Interventionsziele, die ihre Klienten in ideologiekonforme Verblendungen und Fiktionen gegenüber den eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen manipulieren. Die damit und darüber hinaus regressive, narzißtische und selbstentfremdete Formen der Interaktion und Beziehung zwischen den Partnern als gesund, natürlich, heilsam und notwendig für ein befriedigendes Miteinander inszenieren und organisieren.

Ein schlimmer Mißstand und auf ihn hinzuweisen ist Bürgerpflicht.

Eine konkrete Hilfestellung für Menschen, die Unterstützung zur Bewältigung ihrer Beziehungsprobleme suchen, ist damit allerdings noch nicht gegeben. Noch nicht einmal eine für Ausbildungs- oder Fortbildungsinteressierte aus den Reihen der Psychotherapeuten, Psychologen und Lebensberater.

Sie ist auch im Rahmen dieses Artikels nicht intendiert und nicht zu leisten. Der daran interessierte Leser kann nur angeregt werden, sich einen Paartherapeuten oder einen Ausbildner in Paartherapie zu suchen, der sich von der in Rede stehenden Verblendung des Zeitgeists emanzipiert hat.

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