Mann, was willst Du hier?

Haben Sie sich verirrt? Das ist eine Webseite für Paartherapie und Paarcoaching.

Die allerletzte Chance

Da geraten Männer nicht freiwillig hin. Nur aufgrund eines Ultimatums ihrer werten Frau Gemahlin oder Partnerin. Noch-Ehefrau oder Noch-Partnerin, genauer gesagt. Gerade noch, fast schon nicht mehr. Oder schon auf der Schiene zur Scheidungsverhandlung, vielleicht schon ausgezogen oder Ihr Ausziehen verlangt – und vielleicht schon ihren Willen gekriegt.

Ihre Situation muß nicht so sein, aber oft ist sie es. Und es gibt auch den geschlechterumgekehrten Fall, aber er ist weniger häufig.

Paartherapie ist Ihre letzte Chance, glauben Sie? Vielmehr, sie hat es gesagt. Entweder wir gehen in Paartherapie oder es ist aus! Ich kann nicht mehr!

Oder ist es noch krasser?

Ach übrigens, ich will die Scheidung!

Es gibt den Ausdruck „walkaway wife syndrome“[1]. Er meint Ehefrauen, die eine Zeit lang klagen und von ihrem Mann Veränderung fordern oder auch den Gang zum Paartherapeuten und dann, wenn sie auf taube Ohren stoßen, nichts mehr sagen. Der Mann glaubt, die Frau hat sich wieder beruhigt, es war nur eine Phase, und ist froh, daß wieder alles in Ordnung scheint. Das Stichwort ist „scheint“.

Was wirklich passiert, ist, daß die Frau den Entschluß zur Scheidung faßt und die nächsten paar Monate oder ein Jahr oder noch länger sich darauf vorbereitet, innerlich und äußerlich, bis sie soweit ist, ihn mit der Ankündigung zu überraschen, „Ich will die Scheidung!“

Der Mann fällt aus allen Wolken, weil sie doch nichts mehr dergleichen gesagt hat seit damals, und er keine Ahnung hatte, wie unzufrieden sie mit der Beziehung war und blieb.

Sie meint nur, er hat damals nicht reagiert, also wozu sollte sie weiter auf ihn einreden. Wenn er sie nicht ernst nimmt, hat es keinen Zweck. Und jetzt ist es zu spät.

Der Mann rotiert, er ist in Panik, er verspricht, er wird sich ändern und tun, was sie verlangt. Sie soll ihm noch eine Chance geben, er wird es ihr beweisen. Wenn er geahnt hätte, wie sie leidet, hätte er sich schon viel früher ganz anders verhalten.

Er bietet ihr an, er sucht einen Paartherapeuten, damit sie sieht, wie ernst es ihm ist, die Beziehung zu retten und die Familie zu erhalten.

Sie meint vielleicht, auch dafür ist es zu spät, er hätte sich damals auf eine Paartherapie einlassen sollen, als sie es vorgeschlagen hat. Aber er hofft, wenn er einen Termin für ein Erstgespräch ausmacht, würde sie doch mitgehen, und, wer weiß, vielleicht bringt es ja doch was, auch wenn er eigentlich wenig davon hält. In der Not frißt der Teufel Fliegen. Der Mann ist verzweifelt und bereit, jede auch noch so kleine Chance zu ergreifen.

Vielleicht geht die Rechnung auf und sie kommt mit. Vielleicht bleibt sie stur und es nützt kein Bitten und Betteln, kein vernünftiges Argumentieren, sie denkt nicht im Traum daran, sich mit ihm zu einem Therapeuten zu setzen. Er kann ja gehen, er bräuchte es sowieso, daß ihm einmal wer die Augen öffnet, vielleicht für die nächste Beziehung, daß er nicht wieder alles ruiniert durch seine Verstocktheit. Viel Glück! Aber ohne sie!

Und was jetzt?

Erstens auf jeden Fall einen Paartherapeuten suchen, besser mehrere zur Auswahl, für den Fall, daß sie sich doch erweichen läßt, mitzugehen, damit sie sich einen ersten Eindruck verschaffen kann, über die Webseite, eventuell auch über ein Telefonat.

Wenn sie sich auch darauf nicht einlassen möchte – wie kommt sie dazu, sich den Kopf zu zerbrechen, wenn sie überhaupt kein Interesse an einer Therapie mehr hat, nicht einmal an einem einzigen Beratungsgespräch, sie braucht keinen Rat, sie weiß bereits, was sie tut – dann fixieren Sie allein einen Termin, an dem sie ebenfalls Zeit hätte und schreiben Sie ihn ihr zum Beispiel auf einen Zettel oder schicken Sie ihn ihr per Email.

Erläutern Sie ihr, daß Sie selbst auf jeden Fall hingehen, aber sehr froh und dankbar wären, falls Sie sich entschließen würde, auch zu kommen. Sie kann es sich überlegen, solange sie will, sie kann auch einfach auftauchen, ohne es vorher anzukündigen. Sie setzen sie da unter keinerlei Druck, Sie bitten sie nur, es sich durch den Kopf gehen zu lassen.

Sie möchten unabhängig davon, ob sie mitgeht oder nicht, mit dem Paartherapeuten sprechen und schauen, was für eine Unterstützung für Sie selbst in der jetzigen Situation zwischen Ihnen beiden möglich ist, damit Sie von Ihrer Seite das Beste für Sie beide tun können.

Selbstverständlich ist es notwendig, vorher mit dem Therapeuten abzuklären, ob er damit einverstanden wäre.

Die eigene Konsequenz zählt

Für sich selbst müssen Sie sich klarmachen, ob Sie auch tatsächlich bereit sind, unabhängig davon, ob Ihre Frau kommt oder nicht und ebenso unabhängig davon, wie die nächste und weitere Zukunft aussieht, sich dabei coachen zu lassen, Schritt für Schritt für Sie beide und Ihre Familie das Beste aus der Situation zu machen.

Nur als Trick, Ihre Frau von der Scheidung abzubringen, eignet sich das Vorgehen nicht. Im Gegenteil, das unterstellen Noch-Ehefrauen ihren Männern sowieso. „Er hat überhaupt nicht vor, sich zu ändern, er will nur verhindern, daß ich ihn verlasse, das ist alles. Und würde ich bleiben, ginge nach kurzer Zeit alles wieder denselben Gang wie vorher.“

Daß Sie sich anders verhalten müssen in dieser oder jener Hinsicht und andere Haltungen einnehmen müssen, ist unvermeidlich. Nicht, weil Ihnen menschlich oder moralisch unzulängliches Verhalten vorzuwerfen wäre, sondern aus dem einfachen Grund, daß es so, wie Sie es bisher gemacht haben, auf die Dauer nicht funktioniert hat.

Das bedeutet auch nicht, daß nur Sie sich etwas anderes einfallen lassen müssen, aber Sie müssen es nicht nur auch sondern als erster und ganz unabhängig davon, ob Ihre Frau zu einer Änderung ihrer eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen bereit ist.

Das gilt für alle Fälle, wo nur einer der Partner einen Anlaß für Paartherapie oder Paarcoaching sieht oder überhaupt nur einer mit der Beziehung unzufrieden ist.

Wenn man sich selbst konsequent und diszipliniert anders einstellt und anders mit dem Partner umgeht, wird der andere früher oder später entsprechend darauf reagieren. Das liegt in der Natur der Sache.

Wenn man Beleidigtheit, Stolz und Eigensinn auf die Seite stellt und sich dem Ziel der Verbesserung des Miteinander verpflichtet, geht das auch.

Und die Erfahrung zeigt, daß die einseitige und vorbedingungslose Verhaltensänderung tatsächlich eine wirksame Methode ist. Sehr zur Verblüffung dessen, der sie üblicherweise unternimmt, ohne anfangs wirklich davon überzeugt zu sein. Nur als Strohhalm, an den man sich als Ertrinkender klammert. Bevor man vollends die Hoffnung aufgibt.

Wir neigen alle zur Position, „Warum sollte ich damit anfangen, was anders zu machen, wenn mein Partner nicht bereit ist, sich zu ändern!“

Und es ist immer von beiden Seiten her so. Jeder ist ganz ehrlich davon überzeugt, der andere müßte sich zuerst ändern, weil er schließlich derjenige ist, der schuld daran ist, daß alles so unerträglich geworden ist. Nicht 100 Prozent schuld, aber 80 Prozent doch! Zumindest 70 Prozent. Man selber hat auch nicht alles perfekt gemacht, zugegeben. Aber was hätte man denn machen sollen. Unter diesen Umständen. Man ist schließlich kein Übermensch.

Es gilt andererseits unabhängig von allen Überlegungen: Der Scheidung ist es egal, wer sie zu wieviel Prozent verursacht hat. Und den Kindern ist es egal, wer sich zu wieviel Prozent überwunden hat, damit die Scheidung überflüssig wurde.

Die Zukunft ist nicht kontrollierbar

Es ist allerdings keinesfalls gesagt, daß der Mann angesichts eines Ultimatums, „Paartherapie oder Scheidung!“ oder auch im bisher vorausgesetzten Fall der als definitiv mitgeteilten Scheidungsabsicht der Frau es überhaupt in der Hand hat – sei es mit ihr gemeinsam oder allein beim Paartherapeuten – die Scheidung abzuwenden und die Beziehung zu verbessern. Das steht in den Sternen, aber eine gewisse Chance dazu besteht.

Es kann auch das Ultimatum schon auf der Basis gestellt werden, daß es sich nur mehr um eine Gesichtswäsche handelt. Die Frau will sich und den anderen sagen können, ich habe alles Menschenmögliche versucht, sogar Paartherapie! Aber es hat sich herausgestellt, daß die Ehe nicht mehr zu retten war!

Das kann man nicht wissen und oft genug gibt sie es nicht einmal vor sich selbst zu, wenn es sich so verhält. Der Mensch ist vielschichtig und es wird ihm nur bewußt, was er für handhabbar erachtet.

Andererseits ist das Ergebnis eines Projekts nicht von der Ausgangssituation determiniert. Auch eine ursprüngliche Alibitherapie kann zu einer echten werden, weil sich Horizonte erweitern und Gewichtungen ändern.

Das gilt auch für den Mann. Selbst wenn er ursprünglich fest davon überzeugt war, daß er unter allen Umständen die Scheidung vermeiden will, kann es sich für ihn herausstellen, daß ein Zusammenbleiben noch schlimmer wäre und er seiner Frau letztlich dankbar ist, daß sie die Ehe beenden will. Sodaß sie dann an ein- und demselben Strang ziehen und die Paartherapie – sei es zu zweit oder allein – für ein möglichst anständiges Auseinandergehen und die Vorbereitung der bestmöglichen getrennten Elternschaft benutzt wird.

Noch einmal, es ist ein Irrtum, davon auszugehen, daß die aktuellen Einstellungen und Absichten – und das trifft für beide Seiten zu, für den der raus will und für den, der zusammenbleiben möchte oder für den, der vom Nutzen von Paartherapie oder Paarcoaching überzeugt ist und für den, der davon überhaupt nichts hält – so bleiben müssen, wie sie sind.

Genauso, wie die Begeisterung füreinander sich vom Anfang des Zusammenseins bis heute entscheidend gewandelt hat, ohne daß es einer der beiden für möglich gehalten hätte, kann es sich auch bis übermorgen herausstellen, daß man sich in der fixen negativen Überzeugung von heute und der darauf gegründeten Voraussicht geirrt hat.

„Das hätten wir uns nicht einmal im Traum vorstellen können“, kann aus der schlimmen wie aus der frohen Überraschung kommen.

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Anmerkung

1 Michele Weiner-Davis, eine prominente amerikanische Paartherapeutin, verwendet den Begriff zum Beispiel in ihrem Blogpost in Psychology Today vom 30. März 2008: The Walkaway Wife Syndrome (https://www.psychologytoday.com/blog/divorce-busting/200803/the-walkaway-wife-syndrome).

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