Liebe auf den nächsten Blick

Es macht nichts, wenn Sie sich außerstande sehen, den anderen heute zu lieben.

Vielleicht kommt Ihnen sogar schon „der Gache“ d.h. der Zorn hoch, wenn Sie nur an ihn denken. Das gibt’s. Was es gibt, kann es auch bei Ihnen geben.

Was heute gegeben wird, steht morgen nicht unbedingt auf dem Spielplan. Das Bewußtsein darf man getrost als Bühne betrachten, auf der man sich Vorstellungen gibt. Ganz im Sinn des Theaters als moralische Anstalt. Zur Unterhaltung auch, zur Entspannung, zum Loswerden von Spannung, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Und fit zu sein für den Ernst des Lebens, der manchmal zu ernst genommen wird. Todernst oder bierernst oder verbissen und verkrampft und verbohrt.

Das tut uns nicht gut und dem Leben auch nicht. Weder unserem noch dem der anderen. Wir brauchen die Abwechslung, den Ausgleich, das Hin nach dem Her und umgekehrt, die beiden Seiten jeder Medaille müssen auf die Dauer gewürdigt werden, sonst werden wir einseitig und kommen ins Ungleichgewicht.

Miteinander ist es genauso und noch mehr so. Und es geht noch leichter, einseitig zu werden. Weil der andere da ist, um die andere Seite zu verkörpern. Dann können wir sie uns vom Leib halten. Blöderweise damit auch den anderen. Den wir eigentlich am Leib wollten und inoffiziell weiter wollen. Aber bitte nur inoffiziell, denn wer’s als Erster zugibt, hat verloren. Und verloren haben wir schon oft genug. Zu oft, um genau zu sein. Jetzt ist es Zeit, wieder einmal zu gewinnen, am besten hochkant zu triumphieren, das würde uns für einiges entschädigen.

Denn Entschädigung brauchen wir, es verlangt uns danach mit aller Macht. Heimzahlen? Na ja, man muß es nicht so plump ausdrücken. Rache sagt man schon gar nicht in gebildeten oder sonstwie zivilisierten Kreisen. Nein. Gerechtigkeit? Ja, das schon. Das klingt anständig, hochanständig sogar, vertretbar vor dem Gewissen, das uns als guten Menschen will.

Wer kann das Bedürfnis nach Gerechtigkeit kritisieren? Die Welt braucht mehr davon, es gibt viel zu viel Ungerechtigkeit. Wir sollten aufpassen, daß wir dem Übermaß nicht noch unser Schärflein beisteuern.

Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit Gerechtigkeit?

Jedem sollen seine Rechte gewährt werden, das steht dem Menschen zu. Man spricht nicht umsonst von Menschenrechten, Die sind die Basis, die müssen gewährleistet sein, die müssen geschützt und notfalls verteidigt werden, sei es auch mit der Flinte in der Hand, also mit dem Steuerknüppel und dem Auslöseknopf für die Raketen, die sich ihr Ziel mit der eingebauten Kamera selber suchen.

Gerechtigkeit gibt es nicht geschenkt, man muß sie verlangen, man muß sie einfordern, man muß dafür kämpfen und man darf nicht nachlassen und nicht aufgeben, sonst macht man sich mitschuldig, wenn die Ungerechtigkeit überhand nimmt.

Gerechtigkeit muß sein. Da fährt die Eisenbahn drüber. Das ist man sich schuldig, allein schon um der Selbstachtung willen. Wehret den Anfängen, das ist die Lehre aus der Zeitgeschichte. Da ist Konsequenz gefragt. Entschiedenheit, kompromißlose. Kein Platz für falsches Mitgefühl. Nachgeben ist unangebracht, kontraindiziert. Wie bei den Tieren im Zoo, man muß hart sein, wenn sie einen um Futter anbetteln, sonst bedrängen sie einen und man wird sie nie wieder los. Das kann sogar gefährlich werden.

Es gibt keine Würde ohne Gerechtigkeit. Die Menschenwürde selbst verlangt es, daß man auf seinem Recht besteht. Proaktiv. Wenn man einmal in die Defensive gerät, ist es meistens schon zu spät, da hat man sich schon viel zu viel bieten lassen. Aus lauter Gutmütigkeit. Man neigt zu ihr, notorisch möchte man fast sagen. Es ist eigentlich eine Schwäche. Aber andererseits man will ja nicht hartherzig sein. Man hat eben ein weiches Herz. Man ist ja nicht so und man will ja nicht so sein, aber es hilft nichts, man muß sich zusammenreißen und Selbstdisziplin mobilisieren.

So schnell schaut man gar nicht, schon droht man unter die Räder zu kommen. Metaphorisch gesprochen, gefühlmäßig eben. Aber doch. Dann ist man der Angeschmierte, der Gelackmeierte, der das Nachsehen hat und „den Scherm auf“, um dem Alltagsidiom Tribut zu zollen. Aber durch Schaden wird man klug. Spät aber doch. Es dauert oft lang und man geht durch unnötige Qualen, bis man es einsieht, man darf sich nicht auf den Kopf …, also man darf sich nicht zum Narren machen lassen. Nur weil man sich an das Gebot der Nächstenliebe zu halten versucht. Aus Idealismus, moralischem. Aber Idealismus ohne Realismus, die Rechnung geht nicht auf, das muß man früher oder später einsehen. Je später, desto schmerzhafter.

Man kann eine Menge Enttäuschungen ertragen, aber eines Tages ist es zuviel. Dann ist die Grenze der Leidensfähigkeit erreicht und überschritten. Dann droht die Verbitterung, die bittere Resignation, die Erstarrung, eine Art von Absterben bei lebendigem Leib. Ein Grauen macht sich breit, im wörtlichen Sinn, alles wird grau, Grau in Grau rundherum, nichts freut einen mehr und man ist sich selber fremd geworden. So etwas sollte man niemandem zumuten, schon gar nicht sich selbst, oder jedenfalls auch sich selbst nicht.

Aber was meinen Sie eigentlich mit der Liebe auf den nächsten Blick? Ich kenn die auf den ersten, meinetwegen auch die auf den zweiten. Aber auf den nächsten?

Die auf den nächsten nach diesem, auf den es keine gibt.

Sie meinen, wenn man heute jemand alles andere als liebt, dann vielleicht morgen doch?

So kann man’s sagen. Oder übermorgen.

Klingt ja erbaulich, also ohne Zynismus, klingt ja irgendwie frivol ermutigend!

Das läßt sich nicht vermeiden, wenn man die Wirklichkeit beim Namen nennt. Sie hat es an sich, daß sie einem fortwährend Anlaß zur Hoffnung gibt.

Das ist im Prinzip nicht unrichtig, würde ich zustimmen. Aber es gibt Zeiten, da scheint sie diese Qualität gezielt vor einem zu verstecken.

Unbedingt. Nur zu allen heiligen läßt sie sich herbei.

Und was macht man angesichts dessen, abwarten?

Warum nicht?

Ja, warum eigentlich nicht? Vielleicht weil es trostlose sind in dem Fall. Weil man’s schließlich nicht voraussehen kann, wann die nächste heilige Zeit kommt! Was ist, wenn es ewig dauert? Wer hält das aus?

Ach, der Mensch hält so gut wie alles aus, inklusive des Ewigen!

Meinetwegen, zugestanden. Aber wer will es. Wer will alles aushalten. Und wer will es ewig aushalten? Eine schlimmere Aussicht gibt es wohl nicht als ewig auf die mögliche Wiederkehr der Liebe zu warten!

Schon! Andererseits, was soll jemand machen, wenn er die Liebe nicht in den Blick kriegt?

Was weiß ich, aber irgendwas sollte man sich einfallen lassen. Vielleicht den Blick wechseln.

Sie meinen, woanders hinschauen?

Ja, einerseits. Aber den Blick selber. Man sagt doch zum Beispiel, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Warum nicht, Liebe liegt im Blick des Schauenden? Es schauen auch viele auf den gleichen Menschen oder auch in seine Augen, und jeder von denen logischerweisae auch zum ersten Mal, aber immer ist es nur ein bestimmter, für den sich daraus die Liebe ergibt.

Offenbar liegt es wirklich nicht am Angeblickten!

Sag ich ja, es liegt am Blick selber, am Blicker, am Anblicker natürlich. Der schaut auf eine Art, aus der sich die Liebe ergibt.

Müßte man nicht auch vom Abscheu auf den ersten Blick sprechen?

Tut man doch, jemand war einem auf den ersten Blick unsympathisch, der hat mir von allem Anfang an nicht gefallen, das ist doch eine bekannte Erfahrung, man hat von vornherein einen intuitiven Widerwillen gegen jemand. An solchen Formulierungen herrscht kein Mangel. Oder jemand macht einem Angst, wenn man ihm ins Gesicht schaut. Das heißt ja nicht, daß derjenige eine Drohgrimasse geschnitten hat. Man reagiert fortwährend spontan mit allen möglichen ersten Eindrücken. Nur vom Hinschauen oder Zuhören. Man sagt sogar, man kann jemanden nicht riechen. Das ist eine instinktive Angelegenheit. Und hochgradig individuell.

So sind eben die Instinkte, scheint’s. Jeder hat andere.

Lassen wir das mit den Instinkten, das führt weg vom Thema. Es geht doch darum, wie man vom gegenwärtigen Blick, auf den hin weit und breit alles Mögliche nur keine Liebe oder der Liebe auch nur Verwandtes folgt, zum nächsten kommen könnte, ohne auf das Eintreten einer heiligen Zeit zu warten!

Ja, Verzeihung, ich hab abgelenkt.

Ok, ist ja nicht tragisch, ich wollte mich nur wieder orientieren. Die Frage ist ja noch nicht geklärt. Ich weigere mich jedenfalls, das Warten auf bessere Zeiten, auf den Glücksfall, auf den Zufall, als einzige Antwort hinzunehmen. Vor allem, wenn zwar der gegenwärtige Blick keine Liebe mit sich bringt, sondern alles andere als liebesaffin ist, aber frühere sehr wohl unter eine Kategorie von „auf den ersten, zweiten oder soundsovielten“ gefallen sind. Damit ist belegt, daß der Urheber des Blicks es vermochte, dem gleichen Objekt gegenüber die Liebe zu beschwören, oder was weiß ich, zu bezirzen, sich einzustellen.

Offenbar.

Eben. Wenn derjenige also unbedingt auf das Liebeserlebnis im Akt des Schauens aus wäre, müßte er doch die Art und Weise, mit der sich’s bewerkstelligen ließ, wieder aktivieren können. Schließlich geht dem Mensch keine Fähigkeit verloren, die er einmal zur Verfügung hatte, er gebraucht sie vielleicht schon längere Zeit nicht und sie liegt brach, aber mit ein bißchen Übung kann er sie im allgemeinen wieder auf ein ähnliches Niveau bringen wie früher.

Auch nicht zu bestreiten. Wenn’s nicht gerade Hochleistungssport ist oder Konzertvioline, da genügt ein bißchen Übung nicht.

Mein‘ ich auch nicht, ich rede von allgemein üblichen Fähigkeiten, das ist doch klar. Von menschlichen, psychischen meinetwegen, emotionalen im Fall der Liebe. Oder von inneren Haltungen und Einstellungen. Von denen nimmt man gegebenenfalls Abstand, aber man kann sie auch wieder aktivieren, sie wieder einnehmen, ganz einfach. Es heißt ja auch Haltung, und eine Haltung kann man per definitionem einnehmen, im vorliegenden Fall wiedereinnehmen, wenn man keine körperlichen Deformationen oder Funktionsbehinderungen in der Zwischenzeit erworben hat. Und eine Einstellunge ist auch kein Schicksal oder Gottesgeschenk, sondern ganz genauso etwas, das man sich, wie es heißt, zu eigen macht oder dessen man sich bedienen kann, oder noch deutlicher, man stellt sich ein, um im Wörtlichen zu bleiben.

Schon, aber soviel Souveränität den Gedanken gegenüber ist nicht üblicherweise vorausgesetzt, und wenn, dann wird es eher als inauthentisch interpretiert, als willkürlich und opportunistisch-pragmatisch.

Wenn schon, es stimmt trotzdem. Welche Einstellungen man hat, hängt davon ab, zu welcher Sichtweise man sich entschließt. Durchringt, heißt es, wenn es um ein Aufgeben einer liebgewonnen oder gewohten geht, aber das sagt dasselbe nur mit dem Zusatz der damit verbundenen Mühe.

Es ist schon klar, Sie brauchen mir die Freiheit zu Haltungen und Einstellungen nicht predigen, wofür bin ich Psychotherapeut, wenn ich das nicht von vornherein verstünde.

Mein Einwand war auf das Übliche an psychologischen Annahmen gerichtet, und das ist häufiger, viel häufiger sogar, die passive Positionierung des Denkers als bloßer Rezipient oder Beobachter von aus sich selbst heraus, aus der Logik der Dinge oder sonstwoher auftauchenden Gedanken samt Gefühlen oder eben Haltungen und Einstellungen.

OK, aber ich gehöre offensichtlich nicht zu denen, die dem Üblichen folgen, sondern ziehe es vor, die seelischen Vorgänge zu analysieren, um zu verstehen, was Sache ist.

Soll mir recht sein, das zur Kenntnis zu nehmen.

Fein. Und übrigens bin ich mir der taktischen Provokation, die Sie mir bieten, durchaus bewußt. Kann ich Ihnen auch nicht verübeln nach meinem anfänglichen Monolog in der Position des Rufers in der Wüste.

Himmelschreier?

Warum nicht, paßt auch. Aber eins ist schon festzuhalten, leicht ist es nicht, sich klarzumachen, daß man die Anklagerede des himmelschreienden Unrechts, für das man Genugtuung verlangt, nur um den Preis der Unzugänglichkeit der Liebe weiterführen kann! Und das der nächste Blick logischerweise erst der danach geworfene sein kann! Die ganze Power der Empörung soll man aufgeben? Das will wohl überlegt sein!

Absolut. Leichtfertigkeit hilft dabei auch nichts. Sonst bedauert man’s bei der nächsten Gelegenheit schon wieder. Und macht einen einen entschiedenen Schritt zurück und kommt sich danach vor, als hätte man sich gerade noch rechtzeitig vor dem Selbstverrat gerettet.

Eben.

Eben.

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