Jenseits des Schemas Opfer-Täter-Retter

Wir haben eine Opferkultur. In aller Plumpheit ist das so hinzuschreiben. So unzweideutig. In aller Reflektiertheit noch immer und gerade aus ihr. Eine öffentliche Ethik des Opferkults, das heißt eine der öffentlich sich äußernden Klassen, der politischen Klasse, der kulturellen Elite, der „chattering classes“, wie es im angloamerikanischen Raum heißt. Aber mehr als das.

Es handelt sich nicht bloß um Tratsch und Plaudereien, um ein mediales Klima, sondern Gesetz und Ordnung sind westweltweit auf der Basis eines ethischen Modells von Opfer-Täter-Retter in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt neu orientiert worden.

Diejenigen, die den Opferstatus laut und vehement genug beanspruchten, haben ihre Forderungen nach scheinbar kompensatorischen Privilegien von der Politik erfüllt erhalten. Wem es gelingt, der stellvertretenden Allgemeinheit der öffentlichen Eliten ein schlechtes Gewissen zu machen, kriegt, was er verlangt. Sei es auch noch so realitätsverhöhnend,  noch so ungerecht und noch so beleidigend für Verstand und Anstand.

Diesseits von „Opfer-Täter-Retter“

Was das mit den Problemen von Paaren zu tun hat? – Entscheidendes. Grundlegendes, weil es eine allgemeine ethische Norm konstelliert, auf die hin sich alles Private ebenso orientiert wie das Öffentliche.

Erpressung aus der moralischen Überlegenheit der Opferposition erscheint legitimiert, Erpressbarkeit erscheint als moralische Pflicht, als wäre sie ein Zeichen von höherer Anständigkeit.

Frauen sind besonders betreffend. Männer sind besonders betroffen.

Hilfe Ungerechtigkeit!

Das Empfinden, vom anderen ungerecht behandelt zu werden und nicht und nicht zu seinem Recht zu kommen, steht am Beginn aller Entwicklungen, die zur Trennung und Scheidung führen.

Wenn das kulturelle Umfeld dieses Selbstverständnis des Opferseins nicht bloß als übliche und verständliche Reaktion hinnimmt, sondern daraus einen Ehrentitel macht und die Pluspunkte für das Selbstwertgefühl, die man sich in der moralischen Überlegenheit des Opfers selber schon verliehen hat, sakramental konfirmiert, hat man noch viel weniger Anlaß, zur Einsicht zu kommen, daß man auf dem Weg des Verderbens ist. Der Beziehung sowieso, aber unterm Strich seiner eigenen Glücksmöglichkeiten ganz genauso wie der des Partners, dem man die Rolle des Täters zugewiesen hat. Von den Kindern sowieso zu schweigen.

Der moralische Sieg und der Triumph der Selbstbefreiung aus der irgendwann unzumutbar erscheinenden ungerechten Behandlung haben den Vorspann „Pyrrhus“. Was einem zu spät als Licht aufgehen wird. Falls man überhaupt noch den Mut zur nachträglichen Einsicht aufbringt.

Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Deswegen greifen wir alle zur Opferrolle, wenn uns die Enttäuschungen in der Partnerschaft den Schlaf zu rauben drohen – was der Fall ist, wenn wir uns als selber schuld ansehen müßten. Aber nicht nur in Liebesbeziehungen oder familiären insgesamt, sondern auch in der sogenannten Beziehung zu uns selbst.

Wir verstehen uns selber nicht, wir wissen nicht was in uns gefahren ist, wir wollten es nicht, aber es ist uns passiert, wir bemühen uns mit allen Kräften, wir quälen uns sogar, aber schaffen es einfach nicht, obwohl wir es doch richtig machen wollen, immer wieder geraten wir ins gleiche Fahrwasser, da hilft der ganze gute Wille scheinbar nichts, wir schämen uns, wir verdammen uns, wir reden uns gut zu, aber es ist wie verhext, als wär da eine unüberwindliche Blockade irgendwo in unserem Inneren.

Es ist stärker als wir. Was auch immer es ist, dieses Es. Wir sind guten Willens, aber es macht uns einen Strich durch die Rechnung. Kann man offenbar nichts machen, muß man sich früher oder später abfinden damit. Was soll’s, soll man sich in alle Ewigkeit abstrudeln? Wenn’s sowieso nichts bringt?

Die Legalisierung der Scheidung von sich selbst

Wir würden uns verlassen, uns trennen, uns scheiden lassen von uns selbst, von diesem Es in uns, das uns nichts als Scherereien einbringt, nicht auf uns hört, keinerlei Rücksicht auf uns nimmt, sondern bockig und verstockt weitermacht mit all dem, was wir eigentlich kaum aushalten und nie und nimmer freiwillig tun oder in Kauf nehmen würden!

Leider ist die Scheidung von einem selber noch nicht legal, es ist noch immer so schlimm, wie es früher mit der Ehe zwischen zwei Selbsten war, erstens „in guten wie in schlechten Zeiten“ und als Steigerung die Horrorvision „bis daß der Tod uns scheidet“!

Neuerdings gibt es da aber doch schon gewisse Fortschritte, dank der Neurowissenschaften. Es ist zwar nicht mit einer Trennung von Tisch und Bett oder gar mit einem Ausziehen und die Scheidung Durchziehen vergleichbar, aber es ist der richtige Weg.

Wenn man das depressive Es in einem nicht mehr erträgt oder das dauerängstliche, das ständige nervöse und gereizte, das mit den Zornanfällen und Wutausbrüchen, gegen die man nichts ausrichten kann, geht man zum Hausarzt und der verschreibt einem was, das den unerträglichen Mitbewohner im Innern mehr oder weniger zum Verstummen bringt und ihm das störende Handwerk legt.

Nicht so ganz, aber immerhin. Obwohl man schon noch mitkriegt, daß dieses Es da im Hinterstübchen herumfuhrwerkt, so kann es einem doch nicht mehr wirklich an, man hat endlich wieder sein eigenes Zimmer, wo man mehr oder weniger ungestört bleibt und machen kann, was man selber will.

Der Krieg als Schicksal

Mit welchen Mitteln und nach welchen Strategien und Taktiken er auch geführt wird, der Kampf mit sich selbst ist ein lebenslanger Krieg.

Die Berichterstattung ist nicht unbedingt immer die des „eingebundenen Reporters“ und man schaut sich die Sendungen nicht unbedingt regelmäßig an, aber trotzdem.

Das Leben selber ist ein fortdauernder Krieg, nicht umsonst haben wir den Begriff Lebenskampf. Das Wesen des Lebens ist der Kampf um das, was es braucht, gegen alle Rivalen und Konkurrenten.

Pflanzen und Tiere schreiben nur keine Theaterstücke darüber und verfassen keine philosophischen Abhandlungen. Und sie jammern sich auch nicht gegenseitig an und jammern auch nicht vor sich hin. Das ist unser Privileg und unser Alptraum, der Preis für das Denken, das wir uns angewöhnt haben, diese geniale Strategie, die unseren rauschenden evolutionären Erfolg ermöglichte.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Heute ist uns der Begriff Krieg suspekt und verpönt, also ist es praktischer, ihn mit Kampf zu ersetzen. Damit die Aussage als solche gewürdigt werden kann, noch ein Übersetzungsschritt: der Konflikt. Der Widerstreit der Interessen, der Absichten, der Ziele und Zwecke, der Beurteilungen und Bewertungen, was besser oder schlechter für uns und unsere Projekte im Leben ist.

Kreativität entspringt dem Konflikt. Jetzt klingt’s passabel.

„Not macht erfinderisch“, ist schon wieder weniger sympathisch.

Wir merken, nichts Neues unter der Sonne der psychologischen Betrachtung. Wir sind noch immer Menschen und schon gut 70 000 Jahre so gebaut wie heute, auch was die Gehirnwindungen betrifft.

Wen wundert’s da, daß erstens auch die Beziehungen zwischen Mann und Frau als Paar den Konflikt unweigerlich eingebaut haben und daß zweitens das immer schon so war und wir daher drittens Zeit genug hatten, damit zurecht zu kommen, statt daran zu verzweifeln und auf die eine oder ander Art daran zu scheitern.

Die Gerechtigkeit kommt nicht von allein ins Lot

Der Opferstatus ist daher unvermeidlich, in einer fortlaufenden Reihe von Konflikten gibt es fortlaufend Sieger und Verlierer, eben die Positionen des Opfers und des Täters, wenn man als Verlierer durch die entsprechende Brille hinschaut.

Worauf es ankommt in den menschlichen Beziehungen jeder Art, in der Partnerschaft und Ehe und Familie genauso und ganz besonders, ist, dafür zu sorgen, daß man nicht einrastet in eine der beiden Positionen, sondern darauf achtet, daß sie jeweils nur kurzfristig  und vorübergehend als solche erlebt werden.

Wie im Sport, beim Tennis zum Beispiel. Je nach Tagesverfassung gewinnt oder verliert man, wenn einem der Gegner von seinem Können her ebenbürtig ist. Mann und Frau sind das von vornherein, und sie suchen einander auch danach aus, daß die Kräfteverhältnisse beiden auf die Dauer ausreichend Siegeschancen in den täglichen Konflikten ermöglichen.

Nun ist das Kämpfen aber so ein Grundbedürfnis und so belebend und lustvoll, daß man in Gefahr ist, es zu übertreiben und das friedliche Kooperieren darüber zu vernachlässigen. Bis man sich kaum mehr daran erinnern kann, welche Freuden und Schönheiten darin liegen.

Ob es der offene Kampf ist oder der versteckte, der heißblütige oder der eiskalte, der direkte oder der indirekte, ist eine andere Sache und ändert nichts am Charakter des Tuns als Kämpfen.

Ob man die Mittel der emotionalen Manipulation einsetzt oder die der Appelle an die Vernunft und den Anstand, ob man den anderen vor vollendete Tatsachen stellt oder ihn zu motivieren versucht, all dies ist ebenfalls sekundär, eine Stil- und Geschmacksfrage, die dem Naturell und der Begabung der beiden Kontrahenten und Kooperateure entspricht.

Was ist die psychologische Bedeutung des Kämpfens?

Es geht um das Suchen und Annehmen von Herausforderungen, an denen man sich bewähren und beweisen kann, an denen man sich in seinen Kräften und Künsten weiterentwickelt, an denen man über sich selbst hinauswächst und seine Begabungen in dem Leben dienliche Fähigkeiten verwandelt. Dem eigenen Leben nicht bloß sondern genauso dem des anderen, mit dem man es zu teilen beschlossen hat und mit ganz besonderem Engagement dem Leben derer, die ihr Aufderweltsein dieser Kooperation verdanken.

Als Paar fordert man sich spontan gegenseitig heraus, so wie Trainingspartner im Sport, sein Leistungsniveau zu steigern, indem man einander an die bisherigen Grenzen bringt. Zugleich üben sich die beiden auf diese Weise als Team, es mit dem Leben und der Welt auf immer neue und souveränere und befriedigendere Weise aufzunehmen.

Wann und wie geht die Sache mit dem fruchtbaren Auskämpfen der fortlaufend auftauchenden und notwendigen Konflikte schief?

Und was hat das zu tun mit einem Opfer-Täter-Retter – Schema?

Wenn man sich drückt, geht es schief

Wenn bei den Beiden nicht beide dafür sorgen, daß sich das Gewinnen und Verlieren in sportlicher Fairneß abspielt – und dazu gehört auch, daß man den andern zwar durchaus fordert, aber nicht zu sehr überfordert, wobei das gleiche Prinzip auch sich selber gegenüber beachtet werden muß – gerät einer in eine chronische Verliererposition und der andere in die chronische Siegerposition. Das verträgt man nicht, nicht als einzelner und nicht als Paar.

Die Betonung im vorhergehenden Absatz liegt auf beide müssen für diese Fairneß und dieses Gleichgewicht über die Zeit hinweg sorgen!

Das bedeutet, auch derjenige, der zum chronischen Verlierer zu werden droht oder das bloß befürchtet. Das Kämpfen und daher das Siegen und Verlieren spielt sich von vornherein auf der Grundlage der Liebe füreinander und der Verpflichtung einander gegenüber ab, daher gibt es kein vernünftiges Motiv, ohne Rücksicht auf Verluste für den anderen und das gemeinsame Projekt Partnerschaft sich auf Teufel komm‘ raus durchzusetzen.

Wenn’s in der Hitze des Gefechts – die, wie schon oben genannt, eine Frage der inneren Bedeutung und Gewichtung ist, nicht einer der äußeren Verhaltensweisen – dazu kommt, daß man über die Stränge schlägt, sich gehen läßt oder ausrastet, muß man das gleich wieder gutmachen, sobald man es selber bemerkt oder der andere es einen merken läßt.

Aber genauso auf der anderen Seite der Gleichung!

Wenn der andere zu viel Kraft, Temperament, Vehemenz oder Konsequenz ins Spiel bringt, sodaß man in Panik gerät und sich daraus zurückzuziehen und aufzugeben versucht ist oder das schon getan hat, muß man das ebenso gleich anschließend wiedergutmachen.

Man lasse sich nicht täuschen – sondern beachte die Versuchung zur moralischen Überlegenheit der Inanspruchnahme des Opferstatus als scheinbar aufgezwungene Identität – wer sich überwältigen, überrollen, einschüchtern oder abschrecken läßt, seine Kräfte zu mobilisieren im Kampf um das Vertreten seiner Anliegen, verfehlt den Zweck der Übung genauso wie derjenige, der zu viel Kraft mobilisiert.

Anders herum dargestellt, es bedarf ebensolcher Selbstdisziplin zur Wachheit und Übersicht über die Gesamtsituation, um nicht zu heftig und dominant zu werden, wenn man dazu neigt, wie es dieser bewußten Verantwortlichkeit bedarf, um nicht zu zurückhaltend und unterwürfig zu werden, wenn das die in der Situation auftauchende Neigung ist.

Wer sich zuwenig entschieden zu vertreten und durchzusetzen versucht, ist nicht unschuldiger oder entschuldbarer, wenn ihm Ergebnis der Auseinandersetzung unfair erscheint, als derjenige, der sich mit zuviel Entschiedenheit einsetzt.

Wer seine Ängstlichkeit, Scheu oder Skrupel überwinden muß, um sich wirklich mit allen Kräften einzulassen auf die Herausforderung, ist dazu genauso moralisch verpflichtet, wie es die moralische Pflicht von jemandem ist, der seinen schnell aufsteigenden Zorn und seine Neigung zu Wutausbrüchen kontrollieren muß, um nicht blind und rücksichtslos vorzugehen, genau diese Selbstdisziplin aufzuwenden.

Wachheit, Umsicht und Überblick auf das Ganze und daraus die entsprechend angebrachte Selbstdisziplin sind erforderlich, ganz egal ob bezüglich der Wut oder der Angst oder der Tendenz zum Überwältigen oder der zum Kleinbeigeben.

Wieder soll darauf verwiesen werden, daß sich die Beschreibungen anscheinend nur auf einen Streit im engeren Sinn des Wortes beziehen oder anwenden lassen – dem ist jedoch nicht so. Der unmittelbar ausgetragende verbale Streit oder, als andere Metapher, ein körperlich ausgetragener Kampf wie beim Boxen oder Ringen oder ein sportlicher Wettkampf sind nur im didaktischen Sinn das naheliegende Modell, um die Dynamik von kooperativ gegründeter Konfliktaustragung zu beschreiben.

Es geht, wie schon oben erwähnt, um die Vertretung und Durchsetzung von Anliegen, die in Konflikt stehen mit denen des Partners, wie es im Leben miteinander auf die mannigfaltigste Weise ansteht und jeweils wieder so gehandhabt werden muß, daß unterm Strich beide sich geachtet, gewürdigt und gerecht behandelt erleben.

Ins Unrecht Setzen ist der sicherste Weg ins Aus

Die passive Formulierung „sich gerecht behandelt Erleben“ ist allerdings nur eine Seite der Medaille, die andere ist die der aktiven Formulierung. Es ist ebenso entscheidend, daß beide unterm Strich, in der Gesamtschau und Bilanz, sich so erleben und verstehen können, daß sie selber gerecht gehandelt haben!

Nichts ist einfacher, als den anderen ins Unrecht zu setzen!

Es genügt ein waidwunder Blick, ein Seufzer in der richtigen Tonart im richtigen Augenblick und schon hat man den anderen zum Schuldigen ernannt, zum Sünder, der einem Unrecht tut, der einen verletzt, gekränkt, seelisch mißhandelt hat, eben zum „Täter“ – zugleich sich zum Opfer und damit von diesem Augenblick an zur moralischen Autorität über den anderen, der einem ab jetzt Wiedergutmachung schuldet.

Mütter machen das am laufenden Band mit ihren Kindern, wenn sie sich nicht ganz bewußt und strikt dem Nachgeben der Versuchung dazu enthalten, weil es eben so leicht geht, so unaufwendig ist und so erfolgreich. Mädchen mit Burschen, Frauen mit Männern. Das schlechte Gewissen des Kindes oder ebenso des Mannes stellt den Zügel und die Kandare dar, mittels derer man sie im Zaum halten und dirigieren kann. Mit nicht einmal einem tiefgründigeren Motiv als, sich den Alltag reibungsloser zu gestalten.

Mit dieser Strategie, und sie ist charakteristisch und allgemein verbreitet beim weiblichen Geschlecht zu beobachten, wenngleich gelegentlich auch Männer dazu greifen, entwaffnet man den anderen, er hat kein moralisches Recht mehr, unter Einsatz seiner Kräfte den Konflikt auszutragen. Tut er es trotzdem, gerät er immer mehr und tiefer in den Sumpf des Schuldgefühls und zugleich der instinktiven Empörung dagegen, der er aber nicht den spontanen Ausdruck verleiht, weil er sich dazu nicht berechtigt fühlt, wenn und solange er die emotionale Manipulation nicht durchschaut.

Es bleibt dem so ins moralische Unrecht Gesetzten nur ein Groll im Hintergrund, mit dem er seine Würde und Selbstachtung wahrt.

Im Fall von Mutter und KInd ist es offensichtlich, daß das Kind der Mutter keine Täuschung unterstellt und keine Möglichkeit hat, das Spiel der moralischen Erpressung mittels der Demonstration der fiktiven Opferposition zu durchschauen.

Abgründe und Untiefen zwischen den Geschlechtern

Wir sind jetzt mitten in den Abgründen und Untiefen der geschlechtspezifischen Bezüge des Opfer-Täter-Retter – Schemas gelandet.

Zuerst noch zum Hinweis auf die Bedeutung der aktiven Gerechtigkeitszuschreibung in der allgemeinen Bilanz von Recht und Unrecht in Paarbeziehungen ausgeführt: Wenn einer der beiden in der Bilanz regelmäßig so abschneidet, daß er meint, er hat den anderen ungerecht behandelt, wird ihm die Beziehung genauso untragbar, als müßte er feststellen, er wäre regelmäßig ungerecht behandelt worden.

Wenn daher die Frau es sich zur Gewohnheit macht, sich mittels der Darstellung der Opferposition in den konflikthaften Belangen durchzusetzen, um sich die Anstrengung des aktiven Ausfechtens zu ersparen, muß sie damit rechnen, daß der Mann in einen wachsenden und für ihn meist nicht bewußt zuordenbaren oder nicht einmal als solchen erkennbaren Groll ihr gegenüber gerät und daraus die Beziehung zu ihr mehr und mehr als bloße Pflichterfüllung vollzieht. Wenn sie gemeinsame Kinder haben, regelhaft so, daß er um der Kinder willen erträgt, was er von seinen eigenen Maßstäben für eine erträgliche Partnerschaft her niemals in Kauf nehmen würde.

Auch wenn das Motiv für das Darstellen des Opfers ursprünglich nur Bequemlichkeit war, hat der Erfolg der Methode es an sich, daß die Frau in kürzester Zeit sich selbst davon überzeugt hat, daß sie tatsächlich ein Opfer ist und daß der Mann sich glücklich schätzen kann, daß sie ihn noch immer erträgt, statt mit dem Finger zu schnippen und die Scheidungsmaschinerie in Gang zu setzen.

Was sie dann in einem Gutteil der Fälle früher oder später auch tut. Oder je nach Temperament und Präferenz die „Hilfe, er hat mich bedroht!“-Strategie fährt, wenn sie nicht gleich auf „Vergewaltigung in der Ehe“ oder „häusliche Gewalt“ zurückzugreift mit Wegweisung, Betretungsverbot, Annäherungsverbot und Kontaktverbot zu den Kindern in der logischen Folge.

Am glücklichen Ende steht das minimale Besuchsrecht, vielleicht sogar nur unter Aufsicht und dazu als abschließende Krönung die Entfremdung der Kinder, bis sie vor jedermann in überzeugender Weise erklären, sie wollen ihren Vater nicht mehr besuchen und ihn überhaupt nicht mehr sehen, nicht einmal mit ihm telefonieren. Das alles schon in der Ausweitung der Opferidentität auf die Kinder und im mittlerweile wasserdicht und felsenfest vor sich selbst vertretenen Bewußtsein der Beschützerin ihrer Kinder vor dem ihnen schadenden, unzumutbaren Vater.

Und anschließend seiner Sippe, dieser „Sippe“.

Die Kinder am Altar des Opferstolzes

Die Kinder werden dann denn Partnerersatz spielen und mit allen Kräften unter allen Opfern für ihr eigenes Herz für die seelische Balance der armen Mutter sorgen, die jetzt das harte Schicksal der Alleinerzieherin mit solcher Tapferkeit bewältigt.

Das geht im ausgeführten Paradebeispiel meistens lebenslang so weiter. Jedenfalls, so lange der Vater nicht gestorben ist oder im Sterben liegt. An seinem Totenbett lssen sich die Kinder eventuell zu einer teilweisen Vergebung seiner Sünden herbei, aber dieses Szenario ist schon selten und im Bewußtsein der inzwischen erwachsenen Kinder ein großherziges Zugeständnis.

Die Auswirkung für ein Kind sind drastisch, tragisch und prägen seine Persönlichkeit für das ganze Leben, was sich auch ohne nähere Analyse ermessen läßt, wenn wir bedenken, daß das Kind der Mutter zuliebe die Hälfte seiner selbst, seiner Gene im körperlichen aber eben auch im seelischen Sinn als die falschen, die schlechten und bösen abwerten muß und deren Äußerung unterdrücken und verleugnen. Es muß die Liebe zum Vater und die Zugehörigkeit zu ihm so weit und so konsequent verdrängen, daß es sie beim besten Willen nicht mehr spüren könnte.

Andernfalls zerreißt es ihm nicht nur das Herz, sondern es hätte zusätzlich die nicht ertragbare radikale Feindeligkeit der Mutter auf sich gerichtet und zusätzlich das ebensowenig aushaltbare Schuldgefühl, die Mutter zutiefst zu enttäuschen und deren Leid, an dem der Vater die Schuld trägt, noch zu vergrößern. Es hört ja nicht auf, die Mutter zu lieben, nur weil diese ihr den Verzicht auf den Vater, auf das erlebbare Geliebtwerden von ihm und auf das offene Ausleben der Liebe zu ihm, abverlangt. Also verurteilt, verachtet und verdammt das Kind ihn, so wie die Mutter es ihm vorführt, um zumindest sie weiter lieben zu können und zumindest ihre Liebe nicht auch zu verlieren.

Der Mann hält die Stellung für die Kinder

Verzichtet die Frau auf die Scheidung, de fakto also auf das Hinauswerfen des Mannes, weil sie unterm Strich mehr davon hat, die Ehe aufrecht zu halten, das heißt, weil sie auf die Vorteile, an seinem Einkommen, seinem Status und den Möglichkeiten seines sozialen Milieus teilhaben zu können, nicht verzichten möchte, kreiert sie eine Atmosphäre, in der der Mann – für jeden Besucher erkennbar – der Delinquent ist, der Insasse in der von ihr geleiteten Strafanstalt.

Um das über all die Jahre, bis die Kinder groß sind, aushalten zu können, legt sich der Mann eine dicke Haut zu, mit der er sich die klare Bewußtheit seines gedemütigten Zustands erspart. Vielleicht hält er sich auch eine Freundin oder hat zwischendurch erotische Affairen, um seine Selbstachtung nicht völlig zu verlieren. Psychosomatische Symptome und Krankheiten sind zusätzlich zu erwarten, oft mit unmittelbar einleuchtender Symbolik wie z.B. schmerzhafte Nierensteine mit der impliziten Aussage, „es geht mir an die Nieren“. Oder Hämorrhoiden als „es geht mir auf den Arsch“, um etwas Unterhaltsames aus der Praxis als Illustration anzuführen.

Wenn der Mann dann das Weite sucht, weil die Kinder seiner Ansicht nach alt genug sind oder schon ausziehen und es daher für sie seiner Anwesenheit nicht mehr bedarf, fällt die Frau aus allen Wolken und erklärt sich mit umso überzeugterer Berechtigung zum zuerst in ihrer Nachsicht ausgenutzten und dann in himmelschreiender Undankbarkeit dafür noch dazu im Stich gelassenen Opfer.

Die Selbsttäuschung des Menschen kennt keine Grenzen, kann man sich erinnern. Das Wesentliche hier ist, paradigmatisch zu illustrieren, welche unliebsamen und unvorhergesehenen Folgen die Beanspruchung des Opferstatus als eine über situative Momente hinausgehende Opferrolle und Opferidentität über längere Zeit unweigerlich nach sich zieht.

Wie verhält es sich mit der bisher nicht explizit thematisierten Retter-Position?

An Rettern mangelt es nicht

Gute Freundinnen, Mutter, Schwester sind die ersten Kandidaten dafür. Sie werden früher oder später den guten Rat erteilen, die Frau soll sich es nicht mehr bieten lassen und besser ein Ende mit Schrecken inszenieren als einen Schrecken ohne Ende auf sich zu nehmen.

Die einschlägigen Experten, Behörden und Institutionen wie Rechtsanwalt, Familiengericht, Jugendamt und Psychologen und Psychiater als Gutachter sind die nächsten, die mit gutem Gewissen und Idealismus die Opfer, Frau und Mutter samt den Kindern, vor dem Täter retten.

Manchmal wird auch noch eine Phase vorgeschalten, in der eine Einzelpsychotherapie oder Paartherapie in Anspruch genommen wird, die zum Ergebnis führt, daß die Beziehung leider Gottes so kaputt ist, daß es keinen Sinn mehr macht, sie zu kitten zu versuchen, wo der Psychotherapeut sich als Retter des Opfers vor dem Täter beweisen darf, so wie es seiner Prädisposition entspricht.

Dafür braucht er nicht einmal aktiv was tun. Das heißt, er kann vorbildlich resistent bleiben gegen die Versuche des Opfers (egal ob Mann oder Frau die Therapie zur Selbstbestätigung ihres Opferrechts, den Täter loszuwerden, beanspruchen), ihn dazu zu veranlassen, daß er ihm bestätigt, der andere, der Schuldige, der Täter im Paar sei nicht willig genug oder emotional zu gestört oder kommunikativ zu inkompetent, daß es sich für das Opfer noch rechnen würde, so lange weiter zu leiden, bis der andere psychisch auf Vordermann gebracht wäre – wenn er dazu überhaupt von sich aus die ehrliche Absicht hätte!

Das selbstdefinierte Opfer braucht die offene Bestätigung in Worten nicht, nicht einmal in Taten wie zum Beispiel, daß der Therapeut irgendwann meint, es sei zu überlegen, ob zum gegebenen Zeitpunkt eine Paartherapie überhaupt das Richtige ist, weil schließlich alle drei Beteiligten sich darüber einig sind, daß es bis jetzt nicht wirklich zu positiven Veränderungen zwischen den beiden Partnern gekommen sei.

Es genügt, daß der Opferrollenspieler für sich zum Schluß kommt, es hilft ihm nichts, der andere hat sich durch die bisherige Therapie nicht geändert, er hat die Chance nicht genützt, die er großzügigerweise noch eingeräumt bekommen hatte, leider Gottes waren seine Befürchtungen nicht übertrieben, aber man ist ja zu allem bereit, man ist ja nicht leichtfertig. Jedenfalls, es bleibt nun wirklich nichts mehr, als einen Strich unter das Ganze zu machen. Die Therapie war der absolut letzte Versuch. Was soll man tun, wenn auch der scheitert!

Genauso leicht kann der andere, der den Täter abgeben soll, die Paartherapie scheitern lassen oder abbrechen, nicht weil er nicht lieber die Beziehung aufrechterhalten möchte, sondern weil er den Preis der Demütigung und Entwürdigung nicht zahlen will, der ihm abverlangt wird.

Erstens soll er den Bösewicht im moralischen Sinn darstellen und zweitens soll er auch noch hinnehmen, daß er als psychisch mittelmäßig bis schwerwiegend defekt behandelt wird. Als grundlegend unfähig dazu, ein erträglicher oder gar liebenswerter Mann für seine Frau (und implizit für jede andere an ihrer Stelle genauso) zu sein.

Der gewisse kommunikative Grundkompetenzen erst mühsam erlernen müßte, weil er sie von sich aus nicht beherrscht, als Mann und angesichts seiner Kindheit nicht verwunderlich und durchaus nachvollziehber, er kann ja nun nichts dafür, aber das ändert nichts daran, so wie er ist, ist er beziehungsunfähig und auf die Dauer macht er selbst die gutmütigste Partnerin seelisch kaputt.

Wenn eine Frau sowas auf sich bezogen hört, sagt sie sich nach dem ersten beleidigten Zorn,

„Na ja gut, das heißt, ich kann nichts dafür, der Therapeut hat mir’s bestätigt, ich leide unter einer Persönlichkeitsstörung, das ist eine ernste seelische Erkrankung, sogar eine chronische Krankheit, seit der Jugend hab ich die schon, was ich schon darunter gelitten hab, mein Gott, es wundert mich, daß ich’s überlebt hab, ich kann stolz sein drauf, daß ich trotz allem den Mut nicht verloren habe, sondern weiter glaube und hoffe, daß auch für mich das Glück in einer Beziehung möglich sein kann, bin ich froh, daß ich jetzt weiß, daß es meine emotional labile Persönlichkeit ist, wegen der ich immer so gereizt bin und ständig kämpfen muß, nicht den nächsten Tobsuchtsanfall zu kriegen! Sonst hätt‘ ich weiter ständig ein schlechtes Gewissen, daß ich mich nicht genug beherrsche, aber ich hab‘ sowas geahnt, ist ja einleuchtend, wenn die Amygdala losfeuert, als ob Lebensgefahr droht, nur weil irgendwas Lästiges passiert, und die Kontrollzentren umgangen werden, da kann man sich eben nicht willentlich zusammenreißen, das wird schon im Gehirn verhindert, wenn ich das früher gewußt hätt‘, wär ich gleich gegangen und hätt‘ mich behandeln lassen, da hätt‘ ich mir so viel Verzweiflung und die Schlaflosigkeit und diese furchtbaren Alpträume erspart!“

Der Mann vor der Herausforderung zur Stärke

Das Prekäre am Thema für den Mann, wenn er der definierte Täter sein soll, ist, daß es ja stimmt, er kriegt nicht mit, was eine Frau mitkriegt von anderen Frauen. Er mißdeutet tatsächlich, was seine Frau meint, wenn sie dies oder jenes in dem und dem Tonfall und in der und der Situation sagt.

Er glaubt, sie meint, was sie sagt. Aber wäre er eine Frau, wüßte er, sie nutzt automatisch jede Kommunikation dafür, den anderen zu testen, ob der genau genug aufpaßt und mitkriegt, was sie wirklich sagen will oder so unaufmerksam ist für sie, daß er für bare Münze nimmt, was sie zu meinen scheint. Oder gar so unverschämt tut, als hätte er es von vornherein nicht nötig, ihr die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken und sich erfrecht, so zu tun, als hätte sie nicht tausendmal mehr zum Ausdruck bringen wollen, als das, was man mit den paar banalen Worten, die sie gesagt hat, überhaupt je sagen könnte.

Und wenn er auf die selbstbewußte gesunde Idee käme, von ihr zu verlangen, sie soll gefälligst nicht so tun, als müßte er aufhören, ein Mann zu sein, um mit ihrer Art, sich mitzuteilen zurechtzukommen, und sich psychisch kastrieren und geschlechtsunmwandeln, damit sie sich nicht die Mühe machen braucht, zur Kenntnis zu nehmen, daß sie einen Mann geheiratet hat und nicht eine Frau, findet die Frau in drei Sekunden drei Argumente, die ihn entwaffnen, einmal die Augen verdrehen, einmal gequält aufseufzen, danach ein Bestätigung suchender Blick zum Therapeuten „Bitte, Sie sehen’s ja selbst, er läßt sich nicht auf mich ein!“.

Der Paartherapeut vor der Entscheidung zur Häresie

Der Therapeut mag so unkonventionell sein, daß er sich mit geschlechtsspezifischer Kommunikation differenziert genug beschäftigt hat, um den dargestellten möglichen Standpunkt des Mannes als psychologisch korrekt zu erkennen, eine derartige Interpretation bricht das öffentliche und politische Tabu, Frauen als Täter und Männer als ihre Opfer darzustellen. Das ist die falsche Richtung des moralischen Gefälles!

Für den Psychotherapeuten und Psychologen kommt extra dazu, daß er es mit einer Kontrollbehörde zu tun hat und mit einem ganzen teils formalisierten, teils informellen Kontrollumfeld, das ihn wohl als berufsethisch delinquent verdächtigen und gegebenenfalls verfolgen würde, weil er offenbar die Ungleichheit der Machtverteilung zwischen den Geschlechtern unterstützt, statt sich emanzipatorischer Ethik verpflichtet zu fühlen, wie er es laut Verfassung, ministerialer Richtlinien und konsequentem behördlichem Vorbild sich dringend anempfohlen weiß.

Das gilt aber nur für die Ausnahmen unter den Fachleuten im psychosozialen Helferbereich. Im Regelfall haben sie die Idealisierung des weiblichen als das psychologisch gute Erleben und Kommunizieren und die Verdammung des männlichen als das psychologisch schlechte geschluckt, unzerkaut und unverdaut, wie es in den Metaphern von Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie, hieße, in Wiener Mundart „ung’schauta g’fressn“.

Nicht wesentlich anders übrigens, als die gebildete und politische Klasse insgesamt sich daraus seit Jahrzehnten eine Ehre macht. Nur noch mit mehr fachspezifischen Rationalisierungen bewaffnet als andere Disziplinen.

Und selbstverständlich gilt, wer sonst als ein berufsmäßiger Helfer=Retter wäre mehr dazu versucht, sich im Selbstwertgefühl des edlen Ritters zu sonnen, wenn der Zeitgeist es aufdrängt!

Daher ist es zwar erschreckend aber nicht verwunderlich, daß der Regelfall (auch unter international renommierten) der Paartherapeuten beiderlei Geschlechter sich entsprechend orientiert, als rechtschaffen überzeugte notorische Männerumerzieher mit mehr oder weniger offen moralisierendem Unterton oder einer ganzen Reihe derartiger Obertöne.

Man darf die Schwierigkeit des Mannes, Frauen zu durchschauen, nicht unterschätzen. Genauso wenig die des psychologischen Fachmannes. Sigmund Freud wird nachgesagt, er habe – die vielleicht nur als Kavalier präsentierte – Auskunft gegeben, selbst nach 30 Jahren Studium der weiblichen Psyche sei ihm schleierhaft, was die Frau eigentlich wolle.

Offenbar hat’s ihm keine gesagt!

Nicht so gesagt, daß es fürs Verstehen genügt, mit freischwebender Aufmerksamkeit zuzuhören. Oder mit mindfulness, um im aktuellen Jargon zu sprechen, mit Achtsamkeit.

Wie man als Mann Frauen versteht

Aber es bedarf nicht des nichtanhaftenden sondern des Anhaftungsgelegenheiten beim Schopf packenden Gewahrseins, um das in der Resonanz aufzufassen, was eine Frau von der anderen auffaßt. Wenn sie einem Mann gegenüber so kommuniziert wie einer Frau gegenüber.

Er muß daher die weibliche innere Haltung und die entsprechende Art von Zuhören in sich aktivieren. Das kann man zwar als Mann, aber es geht wider den Strich und bedarf der gezielten Distanzierung von ebendiesem, beziehungsweise der Überwindung der dem Männlichen eigenen Naivität, in der man sich nicht vorstellen kann, daß Frauen nicht zur Sache und nicht direkt und nicht geradlinig kommunizieren, wenn es sich irgendwie vermeiden läßt.

Schriftsteller, um in der Zeit zu bleiben, zum Beispiel Schnitzler, haben oft das Ohr und das Gespür dafür und leben davon, daß sie sich auch in das andere Geschlecht aktiv hineinversetzen, wenn sie einen weiblichen Charakter entwerfen und ihn sich entwickeln lassen. Dazu passend hat im historischen Fall der Psychoanalytiker Freud den Schriftsteller Schnitzler auch als den begabteren Psychologen gesehen.

Wobei noch gar nicht erwähnt ist, daß Frauen selten kommunizieren, um verstanden zu werden, egal von wem. Normalerweise, um gezielt mißverstanden zu werden, das heißt, ihre Agenden versteckt durchzubringen. Offen wäre riskant, man kann ja dann auch offen zurückgewiesen werden, und dann steht man da als Verlierer! Versteckt erlaubt den fliegenden Positionswechsel, wodurch man sein Gesicht nicht verliert. Beziehungsweise seine Taktikten und seine Strategie fortlaufend anpassen kann, ohne auf eine festgenagelt werden zu können, die dann am Ende schiefgeht.

Zum Zuwendungsgrad Testen von oben ist noch zu ergänzen, das Fordern der Zuwendung ist eingeschlossen, „wenn du mit meinen Worten was anfangen können willst, mußt du dich extra bemühen und sie erst zu durchschauen probieren“. Was gibt es Schöneres, als die Geheimnisvolle und Tiefgründige zu sein, die einer oder gar eine ganze Runde vergeblich zu enträtseln versucht!

Nichts ist daher leichter für eine Frau, als einen Mann dastehen zu lassen als einen, der sie nicht versteht und der sich nicht auf sie einläßt, ergo, der seine LIebespflicht und -schuldigkeit ihr gegenüber nicht erfüllt.

Die allereffektivste Haltung dafür: „Wenn er mich wirklich lieben würde, müßte ich überhaupt nichts sagen, sondern er würde es von sich aus merken, wie’s mir geht!“

Jenseits von Opfer-Täter-Retter?

Sich auf keine der Positionen als eine Art von Identität fixieren oder oder sich regelmäßig immer wieder schematisch einlassen, weder sich selbst noch den anderen hineinbugsieren und drin schmoren lassen, sondern diese Positionen als bloß situative und aktuelle zulassen und sich zuständig dafür fühlen, daß keiner der beiden in eine davon willentlich oder unwillentlich einrastet, weder man selber noch der andere.

Leichter gesagt als getan?

Absolut. Hunderprozentig! 50 Shades of Grey sprach Abermillionen Frauen jeden Alters aus einem Winkel der Seele, der sich schon ewig unangesprochen wußte. Und hört nicht auf, ein immer megadimensionalerer Megabestseller zu werden.

Offiziell das Opfer sein dürfen.

Das Opfer mit dem positiven Vorzeichen. Die, mit der gemacht wird und die machen muß. Die keine Wahl hat und daher sich anvertrauen darf, wie der andere wählt, weil ihr nichts anderes übrigbleibt.

Die keine „starke Frau“ sein braucht, sondern zur Schwäche verurteilt die Lust des Ausgeliefertseins erleben darf.

Die sich bedingungslos hingeben darf, weil sie muß. Die es nicht vor ihrem aufgeklärten, progressiven, selbstbestimmten, emanzipierten Gewissen rechtfertigen muß. Es ist schließlich nur ein Spiel. Und sie spielt es wissentlich und freiwillig und abgesprochen mit dem Mitspieler. Keiner kann ihr vorwerfen, sie sei abhängig, schon gar von einem Mann. Es ist ein Spiel, schon wieder vergessen?

Man denke an die Statistik der Scheidungen von den 1960er Jahren bis Anfang der 2000er, an die Steigerung von 10-15 Prozent auf zirka 50 Prozent!

Je  „gleichberechtigter“ oder gar „gleichgestellter“, desto weniger Gelegenheit, in der Realität abhängig sein zu können, desto mehr Bedarf, sich’s in der Vorstellung zu ermöglichen!

Total unabhängig abhängig

Wer nicht materiell und sozial tatsächlich abhängig sein kann, hat immerhin noch die Gelegenheit, es „seelisch“ zu sein.

Was nichts anderes bedeutet, als sich und den anderen in so eine Konstellation zu bringen, daß man seine Gefühle, Gedanken, Haltungen und Verhaltensweisen von den seinigen abhängig macht.

„Mir geht’s so schlecht, weil er sich so und so verhält“, als Klage und Vorwurf formuliert, gibt die implizite Mitteilung,

„Ich bin von ihm abhängig, er macht mit mir, mit meiner seelischen Verfassung, was er will, gegen das, was ich will, und er ist stärker, er überwältigt mich, auf die Dauer und schon so lange bin ich hilflos, bin ich ohnmächtig, kontrolliert er meine Stimmung und meine Gefühle und mein ganzes Lebensgefühl.

Er st so viel stärker als ich, daß ich gar keine reale Chance sehe, seiner Macht über meine Verfassung zu entkommen als mich gar nicht mehr auf ihn einzulassen und das Weite zu suchen oder ihn per Beziehungsvertragskündigung dazu zu veranlassen.

Das leider ist die einzige Art, bei der es gar nicht darauf ankommt, ob ich als Mensch mich ihm gegenüber durchsetzen könnte. Wo es nicht darum geht, wie schwach oder stark ich bin, weil er sich an die Kündigung halten muß, schließlich steht die Staatsmacht dahinter, ihn im Notfall dazu zu zwingen.“

Sich jahrelang als Opfer sehen und daher fühlen und danach sich scheiden zu lassen, befriedigt beide Ansprüche, die der weiblichen Instinkte nach Abhängigkeit einerseits und die des kulturellen Imperativs zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung andererseits. Nacheinander zwar und mit ein paar Tonnen überflüssigen Leidens für alle drei von den Folgen betroffenen Parteien – Mann, Frau, Kinder – aber Instinktbedürfnisse lassen sich nicht ausschalten.

Sie setzen sich dann eben indirekt und undeklariert auf Umwegen durch.

Authentische Abhängigkeit und Autorität

Sich mit gutem Gewissen abhängig zu machen, beziehungsweise, sich zu erlauben, abhängig zu sein. Mit gutem Gewissen sich anzupassen, wie es als deutliches Bedürfnis aus dem etwas authentischeren Bauch als dem, auf den sich üblicherweise berufen wird, kommt, ist gleichbedeutend mit Ungehorsam gegen den Zeitgeist, mit Opposition sogar und mit Dissidenz, wenn man’s außerdem auch laut sagen würde, daß das ein instinktives Bedürfnis des weiblichen Geschlechts ist, das man sich von keiner Frauenzeitschrift, Politik oder Ideologie schlechtmachen läßt.

Die Parallele des millionenfach real durchexerzierten Paarschicksal mit den inbrünstig miterlebten fiktiven 50 Schattierungen von Grau geht noch viel weiter. Als die Heldin genug hat von der Sklavinrolle, dreht sie’s um und wird die Herrin und die menschliche Erzieherin des Helden, womit die biedere Vorstadthausfrau, die das Werk schreibt, noch nebenbei den klassischen Backfischtraum vom wunderschönen jungen Millionär, der ihr zu Füßen liegt und sie anbetet, ins Extrem treibt, in die ebenso instinktiv vermittelte Versuchung, den Mann zu unterwerfen, die narzißtische Ekstase zweiter Ordnung.

Richtig aufgefaßt hat man also zwei grundlegende Kapitel eines Lehrbuchs der weiblichen Psychologie vor sich liegen.

Paaren ist Sadomasochismus allerdings nicht zu empfehlen, sie sind keine Romanfiguren.

Die kulturunabhängigen instinktiven Bedürfnisse nach Dominanz und Unterwerfung – gegen die aktuelle Denkmode – zu achten und zu würdigen und in vernünftig verantworteter Weise ins Zusammenleben einfließen zu lassen, das sehr wohl!

„Einfließen lassen“, klingt das nicht harmlos und verdaubar als unverbindliche Anregung, mal auch was anderes auszuprobieren?

Es kommt viel dicker, wenn es realitätsgerecht kommen soll!

Als Grunddimension einfließen lassen, als Unterbau für den Überbau. So muß es vermittelt werden. Das falsche Ideal der Abwertung von Abhängigkeit als falsch zurückweisen. Nicht aus Übernahme einer Gegenthese, nicht als impulsiven rebellischen Protest, nicht um exotisch oder konträr zu sein, sondern aus der durchaus zugänglichen Wahrnehmung solche Inspirationen überprüfen, ausprobieren und mittels Versuch und Irrtum erfassen, was dran ist. Aus der eigenen Erfahrung am eigenen Leib und im eigenen Gemüt.

Sich zuerst einmal getrauen, darauf überhaupt zu achten. Es für möglich halten, daß Anpassung und Führung geschlechtspezifische und komplementär zueinander passende Grundbedürfnisse sein könnten! Und daraus der Hypothese nachgehen, daß das zeitgeistkonforme allgemeine Übergehen dieser Bedürfnisse Leid über Leid verursacht, dessen Entstehung man noch dazu falsch interpretiert und daher dessen Linderung oder Beendigung falsch anpackt.

Eine zentrale Aufgabe der Emanipation für alle Paare heute, wenn sie ihr Schicksal nicht dem Zufall überlassen wollen!

Weiterempfehlen, wenn's empfehlenswert erscheint!