Je ungerechter, desto besser!

 

Man kennt es ja, die Ehe soll angeblich ein Weg zur Erleuchtung sein.

Der achteinhalbte vielleicht. Sowieso eine Arena des Karmayoga.

Oder zur Selbstentfaltung, zur Selbstverwirklichung, zum persönlichen Wachstum statt gleich ins Himmelreich auf fernöstlich, wenn es für die spiritualitätsfernen Bildungsschichten formuliert werden soll.

Die spiritualitätsfokussierten Leser wissen es, die Enttäuschung ist aller Tugenden Anfang. Weil sie auch allen Lastern den Anstoß anbietet.

Das klingt nicht mehrheitsfähig, also sagt man lieber, die Achtsamkeit initiiert den achtfachen Pfad über die neun Stufen zum Eingeschmack, vulgo der offenen Weite des Himmels mit den Schäfchenwolken.

Vor der Himmelfahrt weiß man es aber sehr wohl, enttäuscht muß man werden, um sich gekränkt zu empören und beleidigt zu grollen. Mit der süßen Rache in petto, terminisiert für den Tag, an dem das Maß voll ist.

Das Heimzahlen ist die Wurzel der Lasterhaftigkeit, kein Laster aus dem Katalog, das nicht darin gerechtfertigt wird!

Auch das sanfteste Lämmchen mit dem sonnigsten Gemüt und dem großmütigsten Herzen frißt sich den Kummerspeck deswegen an, weil es nicht einsieht, warum es die Enttäuschungen des Lebens und des Alltags ohne Gegenwehr hinnehmen soll. Zumal sonst das ewige Heulen gar nicht mehr zu besänftigen wäre.

Auch derjenige, der nur metaphorisch die beleidigte Leberwurst gibt und in subkutanen oder laut schimpfenden Zornausbrüchen und Wutanfällen sein Bedürfnis nach Selbstbehauptung im Kampf gegen die ewigen Ungerechtigkeiten der Welt im Nahen und im Fernen befriedigt, singt mit im ewigen Chor des Credos „Wie du mir, so ich dir!“

Ob das infame Du der Ehepartner ist, der Berufskollege, das Finanzamt oder die Pensionistin mit Migrationsbonus im Supermarkt, die sich vordrängt und so tut, als bemerkt sie nicht, daß man vor ihr an den Selbstbedienungskassen angestellt ist, wir lassen uns nichts gefallen, was uns nicht gefällt.

Wenn wir schon überrascht werden, dann bitte auf unverdient und unverhofft nette Art, es darf auch sehr nett sein! Da drücken wir ein Auge zu und erlauben dem Zufall zu bescheren und dem Schicksal zu schalten und walten.

Wenn es der anfänglich, wie man sich so sagt in der Hochsprache, geliebte Andere war, der Zufall und Schicksal gespielt hat, ist es genauso bestellt um unsere Moral, nur noch um eine gehörige Dosis kompromißloser kleinlich und selbstgerecht.

Ergo ist das karmische Verdienst entsprechend höher und mehr von unseren Sünden werden getilgt, wenn wir uns zusammenreißen und in weiser Voraussicht auf das Jüngste Gericht, anstatt ihn der Rücksichtslosigkeit zu zeihen, ihm den Fehler gleich von vornherein verzeihen.

Wer weniger klug vorausschaut, sei es auf das näher zukünftige Standing in der Partnerbeziehung oder auf das fernere in der zum Absoluten, läßt sich Zeit damit, um wenigstens einen Teil der Rache auszukosten, bevor er auf deren Rest verzichtet.

Ein bißchen Lasterhaftigkeit, denkt er sich, muß schon drin sein, schließlich ist man kein Tugendheld, sondern auch nur ein Mensch mit allen rechtschaffenen Schwächen seiner Spezies. Die Mönche im tibetischen Kloster oder im chinesischen Gefängnis sind eine andere Kategorie, die haben schließlich ein Gelöbnis abgelegt und riskieren zu Recht Spott und Schande, wenn sich herausstellen sollte, daß sie ihren Tempel auf Sand gebaut haben.

Er sollte lieber bedauern, daß er nicht wegen Dissidenz eingekerkert und gefoltert wird, er könnte sich eine ganze Reihe von Reinkarnationen ersparen, nutzte er die exquisite Gelegenheit zur Feindesliebe. Er erschauert hingegen lieber bewundernd, wenn’s der Dalai Lama von einem Kollegen erzählt, zu mehr reicht sein Ehrgeiz nicht.

Die griechischen Götter lachen, die tibetischen weinen auch nicht wirklich, die Weisen schmunzeln über die Unverbesserlichkeit der Torheit der Toren.

Die Esoterikkonsumentin wie der nüchterne Intellektuelle inklusive ihrer geschlechtergerechten seitenverkehrten Ausgaben ernten trotzdem die Früchte ihres wohlfeilen Zorns.

Zorn sät Zorn, die Ernte ist nur eine Frage der Zeit und der Ertrag steigt mit jedem Zyklus. Weshalb wir uns sagen lassen, wer Zorn sät, wird Sturm ernten.

Der Klügere gibt deshalb nach, weil er sich darüber nichts vormacht, weder im Blick auf das Hiesige noch in dem auf das so oder so konkret oder abstrakt vorgestellte Jenseitige.

Der Weise hat die Klugheit genug praktiziert, um in aller Nüchternheit zu kapieren: Je ungerechter, desto besser!

Was allerdings nicht bedeutet, daß er sich nicht jedesmal wieder disziplinieren muß und sich ins Gedächtnis rufen, das er ausgezogen ist, auf Illusionen zu verzichten. Und gemerkt hat, daß die giftigste die ist, aus der man meint, es wird schon nicht so heiß gegessen wie gekocht.

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