Die Lust ist raus bei ihm

Befinden sich ein Mann und eine Frau im selben Raum, herrscht erotische Spannung.

Das heißt, von beiden Seiten. Obwohl große Unterschiede in der subjektiven Bewußtheit darüber existieren können. Der Mann wird zumindest – wie halbbewußt und unterschwellig auch immer – die Attraktivität der Frau zur Kenntnis nehmen, seine Chancen bei ihr abschätzen und eine fiktive Kosten-Nutzen-Berechnung anstellen, ob sich ein Bemühen auszahlen würde.

Ob und in welcher Deutlichkeit der Frau die gewisse erotische Ladung der Atmosphäre überhaupt bewußt ist, hängt davon ab, welche Vor- oder Nachteile sie sich davon erwartet, falls sie die Wahrnehmung der Empfindung zuläßt.

Für den Mann ist die erkennbare Erotisiertheit der Frau ein Aphrodisiakum, wie man weiß. Deswegen gibt es Lippenstift, Rouge, Kalal und Mascara und Lidschatten und den ganzen übrigen Werkzeugkoffer der Kosmetik, die Übung von Blick und Lächeln und Körperhaltung, Bewegung und Gang, alles explizit, um „attraktiv“ zu wirken, inzwischen plumper und direkter als „heiß“ benannt.

Kalt wie ein Fisch zu sein und dies nicht zu übertünchen und zu überspielen, schreckt jeden Mann ab. Es sei denn, die undurchpulste Hülle macht durch die Form wett, was durch das Blut nicht zur Ausstrahlung gelangt.

Selbst ein nach üblichen Kriterien unattraktiver Mann kann eine Frau erotisieren, in diesem Fall eben nicht wegen seines Charmes, seiner körperlichen oder gegebenenfalls seiner Statusattraktivität, vielmehr ist es sein Begehren als solches, selbst wenn es nicht zum Ausdruck kommt, sondern nur vorstellbar bleibt, das dieses Empfinden bei ihr auslöst.

Soweit diese unsäglichen anthropologischen Konstanten zwischen den Geschlechtern.

Vor diesem Hintergrund beobachten Paartherapeuten, daß die Klage über sexuelle Unlust in der Partnerbeziehung in der letzten Zeit eine der  häufigsten Begründungen dafür geworden ist, daß Paare zu ihnen kommen.

Wobei, als früher fast unbekanntes Phänomen, es zunehmend auch die Männer sind, die keine Lust mehr haben.

Da läuft etwas gewaltig schief, darf man auch schon ohne nähere Analyse kommentieren.

Und weiter in bewußter Naivität: Die Frauen müssen aber schon so gut wie alles falsch machen, daß ihnen das passiert.

Nun, angesichts dessen, daß es unter sonst neutralen Bedingungen nichts weiter als der physischen Anwesenheit der Frau bedarf, um den Mann auf einschlägige Gedanken zu bringen, ist der naive Ansatz weiter zu verfolgen.

Die Frau ist aber nicht bloß anwesend, also prinzipiell verfügbar, vielleicht sogar willig, sondern auch noch von sich aus an Sex interessiert, und das mit ihm – und trotzdem erklärt der Mann, es tue im leid, er habe einfach keine Lust?

Es gibt theoretisch die Möglichkeit, die Männer haben inzwischen soweit das als Normativ gepredigte weibliche Verhalten imitiert, daß sie die Verweigerung in bewußtem Kalkül taktisch und strategisch als Machtmittel benutzen oder auch das Ganze sicherheitshalber unbewußt durchziehen, um vor sich selbst ehrlich unschuldig und anständig dazustehen.

Die erste Variante darf man getrost als extrem selten annehmen, dafür kommen eigentlich nur die wenigen in Frage, die sich mit der Literatur der PUA (Pick-Up Artists)-Szene befaßt haben.

Damit bleibt nur der mehr oder weniger unbewußt agierte Machtkampf, allerdings kaum im Sinne einer Strategie des Bestechens und Erpressens, der Belohnung und Bestrafung, dafür ist Männern der Sex zu wichtig und den Frauen nicht wichtig genug.

Realistischer betrachtet ist die sexuelle Verweigerung eine Schutzmaßnahme vor vollständiger Vereinnahmung und restloser Unterwerfung, passiver Widerstand, wo aktiver zwecklos erscheint. Eine statthafte Bastion der Erhaltung eines Pfeilers der eigenen Autonomie, weil man von niemandem Sex verlangen kann, der das Bedürfnis dazu einfach nicht hat.

Jedenfalls gilt das heutzutage als ethisches Prinzip. Seit die ehelichen Pflichten aus der Mode gekommen sind, haben zuerst die Frauen auf die freie Willigkeit gepocht, und nun beanspruchen die Männer sie auch.

Wir haben eine Zeit des sexuellen Agnostizismus und Analphabetismus, ist zu berücksichtigen. Aus politisch ideologischen Motiven ist die erotische und sexuelle Dynamik zwischen den Geschlechtern zum Objekt der Doktrin gemacht worden, und es gilt, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Noch schlimmer, auch und ganz besonders, vice versa. Daß sein muß, was sein soll.

Die Frauen, insbesondere die jüngeren, die in dieser Ideologie aufgewachsen sind, operieren nach dem Werbespruch von L’Oréal aus dem Jahr 1971, der in den Mainstream als feministisch emanzipatorisch eingegangen ist, im Deutschen ergänzt zu „Mein Wort gilt. Mein Wunsch zählt. Weil ich es mir wert bin!“

Englisch heißt er mit leicht abgewandelter Konnotation „Because I’m worth it!“

Der Hintergrund: Die französische Kosmetikfirma L’Oréal bot in den USA Haarfärbemittel empfindlich teurer an als die nicht so chice amerikanische Konkurrenz, und die bezahlenden Ehemänner sahen nicht ein, wofür ihre Frauen so viel mehr Geld für den gleichen Nutzen ausgeben sollten. Das war 1971. Der gesamte Slogan (1) lautete:

Why, as a woman, would I choose L’Oréal’s Preference, “the most expensive hair dye in the world?” Isn’t it obvious? “Because I’m worth it.”

Eine konsumistische und autistisch-narzißtische Ethik, mit der man so lange gut fährt, wie man sie zur Durchsetzung materieller Forderungen und im unmittelbaren Sinn willensgesteuerten Verhaltens benutzt. Sobald es um Gefühle, Empfindungen und daraus entspringendes Handeln geht, erleidet man Schiffbruch.

Fordern, erzwingen und moralisch erpressen kann man in diesem Bereich nur mehr oder minder willfährige Schauspielerei, aber nicht Begehren.

Schon gar nicht Begehren! Nicht das Begehren eines Mannes. Mit der Ausnahme masochistischer Formen desselben.

Als „starke Frau, die weiß, was sie will und sich’s holt“ reüssiert man im Beruf und in sonstigen Konkurrenzsituationen, wo es nach männlichem Muster zugeht, aber schon unter Frauen isoliert man sich damit im privaten Zusammenhang.

Noch viel ungeeigneter ist diese Haltung in intimen Beziehungen zu Männern, soll es um mehr gehen als einen Onenightstand oder eine unverbindliche sexuelle Bekanntschaft.

Obwohl die zeitübliche Unterwürfigkeit der Männer gegenüber ihren Frauen an der Grenze zum Masochismus liegt, entspringt sie aber nicht der entsprechenden neurotischen oder auch nur sexuellen Perversion.

Sie ist ein sich Fügen in die Not. Besser nachgeben, als den Dauerkrieg zuhause zu haben. Und den nur als Vorstufe zum absehbaren Finale der Scheidung.

Es ist auch nicht Schwäche oder Feigheit vor dem Feind. Spätestens, wenn die Frau schwanger ist, hat sie per Recht und Gesetz die letztlich absolute Macht über Mann und Kinder. Sie kann den Kindern den Vater nehmen und dem Vater seine Kinder vorenthalten, falls sie es darauf anlegt, und es gibt keine Autorität oder Instanz, die sie daran hindert.

Kein Mann riskiert das, wenn er eine Chance sieht, es zu vermeiden. Oder zumindest hinauszuzögern, bis die Kinder älter sind und es hoffentlich mit weniger Leid und Schaden verkraften.

Die Enttäuschung und die Fassungslosigkeit angesichts einer an den Haaren herbei- und durchgezogenen Trennung oder Scheidung und die finanziellen Kalamitäten nähme er auf sich, aber der Gedanke an die Kinder läßt ihn durchhalten, solange er es erträgt.

Das ist die allgemeine Grundsituation der Ehen und Partnerschaften in den westlichen Gesellschaften.

Die einzelne Frau tut dabei nur, was alle tun. So ist sie erzogen worden und das hört sie von der Politik, das sieht sie in den Medien und das erklären ihr die Experten. Wobei Letzere nicht immer so krud offensichtlich argumentieren und nicht so plump nach dem Motto „Mehr Macht für Frauen!“.

Je gebildeter und akademischer, desto überzeugender ist die Präsentation. Wozu gibt es Lehrstühle für Gender Studies und Fortbildungen zum Diplom in Gender-Mainstreaming!

In tausend Variationen wird ihr versichert, was unterm Strich nichts weiter heißt als, sie hätte ein Recht darauf, daß ihr Mann sich nach ihr richtet und tut, was sie verlangt. Und wenn nicht, dann ist er umzuerziehen oder letzten Endes als schwererziehbar und unbelehrbar loszuwerden.

Denn das Private ist das Politische, und das verkündet, die Frauen haben ihre Rolle geändert und die Männer müssen sich der neuen Rolle der Frau anpassen. Oder sie fallen durch den Rost der Geschichte. Denn die Frauen brauchen sie schließlich nicht mehr. Sie tolerieren sie bloß noch. Eine Zeit lang.

Wenn die Männer als Geschlechtsklasse sich den Frauen als Geschlechtsklasse anzupassen haben und als renitente Zöglinge hingestellt werden, insoweit sie das nicht tun, wie sollte ihr Mann zuhause ihr als Frau nicht zur Anpassung verpflichtet sein? Ist sie nicht eine der neuen Frauen? Auch sie braucht ihn nicht mehr. Auch sie toleriert ihn bloß noch.

Und fragt sich ab einem gewissen Zeitpunkt, wie lange sie sich das noch antun soll.

Wenn wir uns bewußt machen, daß es ursprünglich, bevor die Politik es für sich instrumentalisiert hatte, nicht eine höhere Autorität war, die von den Männern verlangte, sich den Frauen anzupassen, sondern diejenigen Frauen, die laut ihrer Selbstautorisierung für alle Frauen sprachen, wird unmißverständlich, was die Botschaft ist und was sie für ein Verhältnis zu konstellieren sucht.

Die Frauen sagen zu den Männern, „Entweder ihr ändert euch und tut, was wir von euch verlangen oder … ihr werdet sehen, was ihr davon habt! Aber beklagt euch dann nicht! Ihr habt es euch dann selber zuzuschreiben! Wer nicht hören will, muß eben fühlen.“

Die Mutter sagt zum Sohn, „Entweder du tust jetzt endlich, was ich dir sag‘ oder … du wirst sehen, was du davon hast! Aber beklag‘ dich dann nicht! Du hast es dir dann selber zuzuschreiben! Wer nicht hören will, muß eben fühlen.“

Fällt dem Leser das Inzesttabu ein?

Das vom Sohn zur Mutter ist das stärkste.

Die Ehefrau oder Freundin, die als individuelle Frau ihrem individuellen Mann nichts anderes sagt als die öffentliche, allgemeine Frau dem allgemeinen Mann darf sich nicht wundern, wenn er sexuell blockiert auf sie reagiert.

Sowenig, wie man sich darüber zu wundern braucht, daß die sexuelle Verweigerung der Männer ihren Partnerinnen gegenüber ein um sich greifendes allgemeines Phänomen geworden ist, das schon längst zu Ratgeberbüchern (2) inspiriert.

In diesem Sinne könnte die Überschrift lauten: „Die Lust ist raus in Mutters Haus!“

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Anmerkungen

1  Siehe: https://www.worldcrunch.com/business-finance/mad-women-because-i-m-worth-it-l-or-al-s-catch-phrase-still-fabulous-at-40/c2s4153/

Literaturbeispiele:
Weiner-Davies, Michele: The sex-starved wife: what to do when he’s lost desire. New York 2008
Berkowitz, Bob; Yager-Berkowitz, Susan: He’s Just Not Up for It Anymore: Why Men Stop Having Sex, and What You Can Do About It. New York 2008
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