Der radikale Unterschied

Seit der amerikanische Psychologe John Gray mit dem Buch „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“, das 1993 zum erstenmal erschienen ist, den größten Bestseller psychologischer Ratgeberbücher aller Zeiten hatte, hat sich nichts geändert.

In der Zwischenzeit gibt es unzählige populäre Werke, die dem einen Geschlecht erklären, wie das Innenleben des anderen funktioniert, und wie man’s machen muß, um mit dem anderen zurechtzukommen.

Männer sind noch immer vom Mars, Frauen noch immer von der Venus

Auf den ersten Blick seltsam mutet es an, daß weder die für Berufskollegen noch die für das allgemeine Publikum geschriebenen Bücher zu den modernen Methoden und Ansätzen der Paartherapie im engeren Sinne darüber ein näheres Wort, ein Kapitel, geschweige denn ein ganzes Buch verlieren.

Als ob es anrüchig, unseriös, unwissenschaftlich oder unwichtig wäre, die Unterschiede im Erleben und Verhalten von Frauen und Männern zu thematisieren.

Beispiele wären die Literatur in den weit verbreiteten Ansätzen von John und Julie Gottman (Gottman-Paartherapie), von Harville Hendrix (Imago-Paartherapie) und von Susan Johnson und Leslie Greenberg (Emotionsfokussierte Paartherapie).

Nicht anders verhält es sich mit der in Deutschland vertretenen Systemischen Paartherapie (zum Beispiel von Ulrich Clement oder von Arnold Retzer). Selbst der Ansatz der Systemischen Sexualtherapie (Ulrich Clement) verzichtet konsequent auf die Frage der Geschlechtsspezifität, indem er sie als nicht mehr relevant für das sexuelle Beziehungsverhalten der Männer und Frauen von heute angibt.

Die Paartherapie beruht auf einem Unisex-Modell

Statt dessen wird stillschweigend ein Unisex-Modell der Partner und der Paarpsychologie vorausgesetzt. Oder überhaupt gleich ein geschlechtsloses, wie es die Illustrationen im neuesten Werk von Harville Hendrix[1], dem Begründer der weit verbreiteten Imago-Paartherapie zeigen. Schließlich könnten die gleichgeschlechtlichen Paare sich beleidigt fühlen und einen Shitstorm entfachen?

Und davor schon: Die Feministinnen würden jedes Wort auf die gendermaingestreamte Waagschale legen und den Autor oder genauso die Autorin als  „frauenfeindlich“ und „patriarchalische Klischees wiederholend“ zur Schnecke machen?

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso gebotener, auf die radikalen Unterschiede in der Psychologie und der Psycho-Logik der Geschlechter zu sprechen zu kommen. Jedenfalls, wenn man den Lesern nicht Entscheidendes vorenthalten will.

Im gleichen Sinn müssen in der Paartherapie und in der Paarberatung oder im Paarcoaching diese Unterschiede und ihr Zusammenspiel berücksichtigt werden, will man den Männern und Frauen die bestmögliche Unterstützung anbieten.

Beide Geschlechter über einen Kamm zu scheren, befriedigt zwar den Zeitgeist und das Denken in dessen Kategorien, aber um den Preis der Mißachtung ihrer fundamentalen seelischen Wirklichkeit, die sich ungeachtet der jeweils herrschenden Ideologie nicht abschaffen oder modifizieren läßt.

Die auch gar nicht unterdrückt oder verleugnet werden kann, ohne daß daraus Leiden und chronische Konflikte zwischen Mann und Frau einerseits und andererseits für beide Seiten mit sich selbst entstehen.

Das Unisex-Modell der Paartherapie ist weiblich

Das erwähnte Unisex-Modell ist bei näherer Betrachtung aber kein ungeschlechtliches sondern, ohne als solches ausgewiesen zu werden, das weibliche. Die unvermeidliche Folge besteht darin, daß Männer im Rahmen von Paartherapie umerzogen werden oder werden sollen zu einem Beziehungsverhalten, das die Frauen ihnen automatisch zumuten und abverlangen, weil es ihrer Sichtweise, ihrem Umgangsstil und ihren Bedürfnissen entspricht.

Nun kann man den harten Begriff „umerziehen“ entschärfen und beschönigen, aber schon der üblich gewordene Terminus „Psychoedukation“ bringt einen wieder in unmittelbare Nähe zur Erziehung.

Es bleibt jenseits der Diktion der Umstand, daß die sogenannte Verbesserung der Kommunikation als so gut wie universeller Ansatz in der Paartherapie direkt der stereotypen Klage der Frauen entspricht, die Männer hörten ihnen einerseits nicht zu und würden andererseits zuwenig von ihren Gefühlen sprechen.

Wie oft ist beispielsweise zu lesen, die Frauen redeten zuviel und verlangten von den Männern die falsche Art von Kommunikation?

Der Therapeut, egal ob Mann oder Frau, ist prinzipiell auf der gleichen Schiene, wenn auch ohne die bewußte Absicht zur Parteilichkeit für die Frau und gegen den Mann.

Es ist die Methode selbst, deren Konzepte von konstruktiver und destruktiver Kommunikation und generell günstigem und ungünstigem Beziehungsverhalten im Wesentlichen zwar für Beziehungen unter Frauen zutreffen, aber ganz und gar nicht zwischen Frauen und Männern.

Noch einmal, um das Problem der modernen Normative von guter Paarbeziehung herauszustellen: Die Modelle, Konzepte und Methoden der allermeisten aktuell verbreiteten Paartherapieschulen beruhen fundamental auf der weiblichen Perspektive und der weiblichen Instinktivität im Verhalten. Zugleich bleiben die männliche Perspektive und die männliche Instinktivität unter den Teppich gekehrt oder werden entwertet.

Taucht sie im Verhalten und in der Haltung des Mannes in der Therapie auf – und das tut sie in dem Ausmaß, in dem der Mann nicht  den Unterwürfigen spielt, sondern sich auf die ihm natürliche Weise behauptet – paßt sie nicht ins therapeutische Konzept. Außer als kontraproduktiv und der Veränderung bedürftig.

Einzelne amerikanische Paartherapeuten[2] berücksichtigen und thematisieren die fundamentalen Unterschiede der Bedürfnisse und Probleme der beiden Geschlechter in der Paarbeziehung, bleiben aber bisher die Ausnahme und beschränken sich zudem auf punktuelle Aspekte. Eine systematische Berücksichtigung der Differenz und Komplementarität von Mann und Frau, die letztlich nicht doch wieder beim weiblichen Normativ landet, findet sich nicht.

Zum Kontrast dient die aktuelle Forschungslage zum Y-Chromosom, das nach wie vor eine durch und durch männliche Identität bewahrt, sich nicht gleichstellen läßt und konsequent patriarchalisch immer nur vom Vater auf den Sohn vererbt wird, ganz ohne Einmischungsmöglichkeit der Mutter.

Der radikale genetische Unterschied zwischen Mann und Frau

Wußten Sie daß Mann und Frau nur 98.5 Prozent der Gene gemeinsam haben, genausoviel wie Mann und Schimpanse einerseits und Frau und Schimpansin andererseits? Dem gegenüber herrscht zwischen zwei Männern einerseits und zwei Frauen andererseits 99.9 Prozent genetische Übereinstimmung. Das ist ein 15 mal kleinerer Unterschied als der zwischen den Geschlechtern.

Lassen Sie sich von David Page, Professor für Biologie am MIT, einem der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Genom-Analyse, der Jahrzehnte seiner Arbeit der Untersuchung des Y-Chromosoms gewidmet hat, die Bedeutung der Geschlechtsunterschiede in dieser 20minütigen Präsentation veranschaulichen:

Why sex really matters | David Page | TEDxBeaconStreet [3]

Das Psychische ist ebenso evolutionsbedingt wie das Physische

Daß Erleben und Verhalten grundlegend ebenso geschlechtsspezifisch evolutionär entstanden und genetisch verankert ist wie die Physiologie, scheint zwar selbstverständlich, aber noch immer ist es öffentlich en vogue, der Evolutionspsychologie mit Ressentiment zu begegnen.

Jede Zelle weiß, ob sie eine männliche oder eine weibliche ist, formuliert es David Page anschaulich. Ob im Bauch oder im Gehirn.

Die Analogie dazu wäre, jeder Gedanke, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl, jeder Impuls ist in der gleichen Lage.

Die Regungen des Gemüts wissen, ob sie in einem männlichen oder weiblichen Geist entstehen und vergehen.

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Anmerkungen

1  Harville Hendricks, Helen LaKelly Hunt: Making marriage simple: 10 relationship-saving truths. New York 2013.

2  Patricia Love und Steven Stosny verfaßten „How to improve your marriage without talking about it: finding love beyond words“ (New York 2007). Darin gehen sie von der Grundangst der Beschämung beim Mann und des Alleingelassenwerdens bei der Frau aus.

3  Ein zirka einstündiges Interview mit David Page für die Zeitschrift Science über die Evolution des Y-Chromosoms und die neuesten Erkenntnisse seiner Forschungsgruppe über die Bedeutung der genetischen Geschlechtsunterschiede findet sich hier zum Download: https://pagelab.wi.mit.edu/videos/ScienceForThePublic.m4v

Ein Artikel in der New York Times zum gleichen Thema ist hier zu lesen: https://www.nytimes.com/2014/04/24/science/space/researchers-see-new-importance-for-y-chromosome.html?hpw&rref=science

Seine Webseite mit weiteren Veröffentlichungen finden Sie hier: https://pagelab.wi.mit.edu/in-the-news.html.

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