Der Priester im Mann

 

„Die Göttin in der Frau“ geht dem 21. Jahrhundert bisher so leicht von den Lippen wie dem hysterischen davor.

Das geht, weil – und nur weil – der Priester im Mann seit Gottes Hinscheiden (Ja, sicher – Sie sollen Sie sich jetzt an Nietzsches entsprechendes Pathos erinnern!) noch dringlicher als davor in des Herrn Siechtum auf einem unkompliziert verfügbaren Ersatz besteht.

Die arme Frau weiß nicht, wie ihr geschieht.

„Aber was geschieht, muß gerechtfertigt sein, sonst würde es wohl nicht geschehen!“ sagt der weibliche Hausverstand.

So schreibt sie sich alles Mögliche und Unmögliche an frommen Sprüchen ins Tagebuch und rahmt sie als Passepartouts für das Nachtkästchen und die Wohnzimmerkredenz, was sich als eingängige Rechtfertigung für den ihr zugemuteten Stand in dem der Dinge anbietet.

„Kopfzerbrechen ist nicht meins!“, räsoniert das resonante weibliche Gemüt resolut und wird die hochgestochenen Fragen kurzerhand los.

Natürlich ist der Mann ein Pharisäer, wenn er so tut, als könnte er ihr die permanente kognitive Dissonanz der Großen Göttin in fragwürdiger Konfektionsgröße zuteilen, ohne daß sie von allem Anfang solcher Bedrängnis an einen befreienden Kurzschluß nach dem anderen zieht.

Und er wird immer scheinheiliger, je mehr sie ins Trudeln gerät; zu gleichen Teilen aus Mitleid und aus schlechtem Gewissen und aus Angst vor ihrem abzusehenden Absturz.

Wenn sie abstürzte, müßte er sich aufraffen, wenn ihr alles zuviel würde, müßte er es übernehmen.

In der Politik ist Moral zwar fehl am Platz, aber trotzdem ist es nicht leicht, direkte Demokratie zu predigen und absolutistische Diktatur einzuführen.

„Ego te absolvo!“ sagt sich im Beichtstuhl leichter als zu sich selbst, weil der Priester in der Doppelrolle als Beichtvater und Beichtsohn um die peinliche Gewissenserforschung, die beschämende Reue, die demütigende Buße und die heldenhafte Umkehr nicht herumkommt.

Deswegen spielt der Zeitgenosse lieber den frommen Verehrer der Anbetungswürdigen und geißelt sich vor der Kamera wie in der tiefsten Seele in privater und öffentlicher, authentisch kongruenter Authentizität bis aufs Blut, nimmt jeden Spießrutenlauf auf sich und trägt jedes Kreuz eine Ehrenrunde nach der anderen, solange er damit nur seiner Verantwortung für die Zeitgenossin ein wohlfeiles oder sündteures, jedenfalls ein gefälliges Schnippchen schlagen kann.

Der arme Nietzsche ist an diesem Wahn zugrunde gegangen, wer könnte es ihm oder später auch Weininger verdenken.

Wagners, Schnitzlers, Altenbergs und Freuds haben sich gerettet, wo Rettung Verrat am Charisma und somit Schande vor den Göttern wie den Göttinnen ist.

Bachofens und Engels‘ Fasson des Auswegs waren noch feiger, sie haben es vorgezogen, sich das Dilemma gar nicht unter die Haut gehen zu lassen. Emancipatio praecox ist auch nur ein präventiver Kurzschluß.

Immerhin haben sie alle aber es auf sich genommen, selber zu denken, und sind ein Stück des Weges mit der Erkenntnis mitgegangen!

Das kann man heute von niemandem mehr behaupten.

In guter Hoffnung ist anzunehmen, es schreibt bloß keiner von ihnen für die übergewichtige Masse, bei der wie immer Hopfen und Malz verloren ist.

In unverzagtem Optimismus, den man sich als Homo Sapiens nicht ersparen kann, ist es wohl so, daß die Emanzipation in den Untergrund gegangen ist, weil in repressiven Zeiten alles andere Masochismus wäre.

Ein Epochenwandel ist ein großer Schritt, aber hier geht es um etwas viel Größeres. Die Dimension ist die der Konfrontation mit einer nicht nur historischen sondern evolutionären Singularität.

Da hilft kein Hegel mehr.

Darum kochen wir’s lieber herunter auf die Unmittelbarkeit der Beziehungsqual, unter der alle ächzen und stöhnen, die nichtsahnend ihrem Sexualtrieb folgen, als wäre das das Natürlichste von der Welt.

Und wir kochen es ein auf ein leichter verdaubares pikantes Gelee, mit Hollywood als Olymp, der Wall Street als Klagemauer und Silicon Valley als das Neue Jerusalem.

Ob man Trump als Pharao inkludiert, der Moses sein soll, oder umgekehrt, bleibt jedem selber überlassen.

Daß der Turm von Babel als Zwillingsturm gefallen ist, nun ja, wenn die Megaverschwörungstheorie des Feminismus akzeptabel ist, warum nicht die Verschwörungstheorien überschaubarer Reichweite rund um 9-11!

Es ist auch wurst, die Zeichensetzer in den oberen Etagen dekorieren potemkinsche Dorffassaden, wie sie es immer schon tun.

Der Beziehungsquälerei entkommen nur die, die es sich leisten können, die einen finanziell, die anderen essenziell.

Wie also, wenn nicht per Portfolio?

Er muß sich dazu bequemen, die Bürde der Priesterwürde zu tragen.

Dann kann sie darauf verzichten, ihn als potenziellen Haustyrannen zu klassifizieren und in strategisch paranoidem Ehrgeiz zum Hausdiener zu degradieren; heute besser gesagt, zum Haushaltsroboter für den Selbstwertprofit in ihrem Reproduktionsbetrieb.

Es geht nicht um Isis oder Artemis, damit das klar ist, auch nicht um Kali oder die Heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes.

Zur Rekapitulation, falls der Leser zweifelt:

Die Frauenverehrung in all ihren Kulten ist die Vermeidung der Berufung des Mannes zum Priester; die Ersatzreligion ausagiert im Dienst am Gottesersatz, mit der er sich beruhigt und zu bewahren sucht vor der Ahnung seiner – ihm schier übermenschlich dünkenden – Verantwortung für die Menschheit, dieser Gottheit im Werden.

Vor dem allerersten Horizont ist die gescheute Verantwortung die für die idealistische, philosophische und ideologische Orientierung der Frau und der Kinder, die sich diesbezüglich spontan auf ihn verlassen.

Moral und Vernunft muß er verantworten, sie vertreten und sowohl vormachen wie auch vorgeben und abverlangen.

Vor dem zweiten Horizont ist es die für die Gesellschaft, die Kultur, die Zivilisation.

Vor dem dritten ist es die für die Evolution als solche.

Groß genug, um ungläubig zu lachen oder gläubig zu schaudern.

Vor allem ist da die Einsamkeit unter den Sternen, die man nur in der Natürlichkeit des Kindes hinnehmen kann, ohne das Schicksal anzuklagen.

Das Selbstmitleid hingegen verlangt nach Trost, und nichts ist so verführerisch wie dessen Angebot.

Die Frau kennt ihre Pappenheimer, den Mann wie die Kinder, dafür sorgt die Natur per Instinkt, und verführt mit dem Trostangebot im Austausch für die männlichen und väterlichen Dienste.

Fair erscheint ihr das Tauschgeschäft allerdings dann, wenn es so profitabel wie möglich ist. Auch dafür ist die Natur zuständig, das überläßt sie der Launenhaftigkeit der Kultur nicht.

Das Stichwort hier ist „möglich“!

Was möglich ist, weiß man erst, wenn man es probiert hat.

Daher sagt die instinktive weibliche Moral, „Man wird’s ja doch probieren dürfen!“ Und meint damit, auszuprobieren, was reingeht bei ihm; und meint damit, so weit zu gehen, wie sie damit durchkommt; und meint damit, sich zu leisten, was er sich bieten läßt; und meint damit, zu verlangen, was er sich abverlangen läßt; und meint damit, ihm zu kommen, womit auch immer ihr zu kommen einfällt, bis er sich auf die Hinterbeine stellt und sie in die Schranken verweist.

Der Eros dieses Spiels ist, was der Mann genießt, wenn er sich nicht scheut, ihr in die Parade zu fahren und wenn nötig die Leviten zu lesen. Die Frau genießt es sowieso, wenn sie das Glück hat, einen zu finden, der sich nicht so weit bezirzen läßt, daß sie ihn damit ernsthaft beirren kann.

Fühlt er sich zu schwach dazu oder verbietet er sich’s aus falscher Bescheidenheit oder falschem Respekt, geht die Sache schief. Für beide Seiten.

Ein schlagendes Beispiel für falschen Respekt:

Der männliche Zuschauer faßt es heute kaum, wenn er Shirley MacLaine in dem Film „A Change of Seasons“ (dt.: Jahreszeiten einer Ehe) noch 1980 Anthony Hopkins den Vorwurf machen hört, er hätte wie ein Gentleman seine Affäre mit einer Studentin abstreiten müssen, als sie ihn verdächtigte.

„Dafür habe ich zu viel Respekt vor dir!“ gibt er als edles Motiv für sein bereitwilliges Geständnis an. Aber, muß er erleben, Undank ist auch der emanzipierten Frauenwelten Lohn, als sie ihn im Tonfall entwaffnender Lapidarität aufklärt, „Ich will nicht deinen Respekt, sondern deine Treue!“

Man kann das auch unter mangelnder emotionale Intelligenz des modernen Mannes einordnen und es zurückverfolgen auf die mangelnde Förderung dieser im Zeitalter der Antibabypille, aber der unversalere Grund für das Mißverständnis ist die naive und nicht problematisierte Projektion der eigenen Mentalität des Mannes auf das weibliche Geschlecht, so als wäre sie geschlechtsunspezifisch menschlich.

Inzwischen sind auch die Frauen so emotional dumm geworden und verstehen nicht, daß man einen Mann nicht wie eine Frau behandeln kann, ohne damit unbeabsichtigte und unerwartete Geschlechtermentalitätskonflikte zu provozieren, die man anschließend als individuelle charakterliche fehlinterpretiert.

Es gibt keinen Umweg, keinen Ausweg und keinen Trost für den Mann, der sich die Souveränität, die ihm fehlt, nicht als solche zum Übungsziel macht.

Als Krücke opfert sich manchmal die Frau und spannt den Bogen von vornherein nicht annähernd an die Grenze zum Brechen, aber das beschert ihr eine Einsamkeit, für die sie nicht gemacht ist, während es ihm die erspart, für die er begabt und zu der er berufen ist.

Man darf es leider auch den hier eigentlich zur Aufklärung ausgewiesenen Psychologen, den Psychotherapeuten und den Paartherapeuten nicht allzu übel nehmen, daß sie die Flucht vor den instinktiv verankerten Mentalitätsunterschieden der Geschlechter ergriffen haben und sie sogar vehement bestreiten und ein geschlechtsloses psychologisches Modell der Paarinteraktion benutzen, weil Häresie derzeit entsprechend vehement bestraft wird.

Wer biologische und instinktive psychologische Unterschiede und noch dazu deren unverzichtbare funktionale Komplementarität begreift und öffentlich vertritt, hat heute in jedem Beruf und in jeder Position im ganzen Abendland das Standing eines Kommunisten im Amerika der McCarthy-Ära.

Wenn der Mann der Priester ist, ist dann die Frau die Priesterin?

Nein. Sondern die Gläubige.

Ist das nicht Ungleichheit?

Ja. Was sonst.

Ist die nicht schlecht?

Nein. Sondern gut.

Ha! – Aber für wen?

Für alle drei. Mann, Frau, Kinder.

Die Schafe brauchen einen Hirten, heißt es. Sonst verirren sie sich und stürzen in den Abgrund.

Wenn sich keiner zum Hirten qualifiziert, weil die Existenz als Schaf einfacher ist, haben wir, was wir haben.

Die Eltern behüten ihre Kinder nicht.

Die Männer behüten ihre Frauen nicht.

Und die Wölfe im Schafspelz predigen die Erlösung durch die Weisheit und Gerechtigkeit des Kapitals.

Vielversprechender kann die Zukunft nicht sein.

 

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