Dr. Peter Christoph Lobner

Das Charisma und Karma des Psychotherapeuten

2. Teil: Von der Theorie in die Praxis

Die Zeit weckt aus dem kürzesten und dem längsten, dem leichtesten und dem tiefsten Schlaf. Alles an Erkenntnis ist ein Aufwachen aus der erst ab diesem Augenblick jetzt undenkbaren Möglichkeit, nicht zu sehen, was auf der Hand liegt.

Aufwachen zum Offensichtlichen

Man weiß nicht, soll man erschüttert sein, wie lang man gebraucht hat, auf das draufzukommen, was einem gerade klargeworden ist, oder erfreut, weil man niemand sonst kennt, der draufgekommen wäre.

Um der Freude an der Erkenntnis willen hofft man, es gibt nicht viele, die zu Haus am Schreibtisch das gleiche in ihren Kollegblock schreiben. Zur Vorbeugung gegen Eitelkeit denkt man an Zigtausende, deren Publikationen nicht existieren oder einem nicht untergekommen sind.

Und bescheidet sich mit der Freude über den persönlichen Fortschritt. Für einen selbst ist es Weltklasse-Einsicht, nicht bloß exquisit.

Der Zeitpunkt des Aufwachens und der Inhalt des jeweiligen Traumes, aus dem man erwacht, folgen unbekannten und unwillkürlichen Bestimmungen.

Die Zeit war reif dafür, ist, was man sagen kann, und es ist die Logik der Erkenntnisschritte über die Jahrzehnte und über die Jahre und über die Monate anschließend nicht von der Hand zu weisen.

Im Kleinen ist es die Gestaltung, in der Funktion und Ästhetik sich vereinigen sollen. Auch das geht über Wochen und Monate, von einer annehmbaren Version bis zu dem Tag, an dem sie primitiv ist, plump, grob, ungeschlacht, daß es schmerzt, zur nächsten und übernächsten.

Endlose Stunden, in Schüben, über Tage, über die Nächte und in vier Sackgassen, bis sich zum Fünften die Straße öffnet, auf der man wo hinkommt, wo man guten Gewissens bleiben kann. Leidlichen oder doch guten?

Psychotherapie ist Desillusionierung

Auf die Tür zur Praxis könnte wie am Tor zu Dantes Inferno stehen, „Ihr, die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren“.

So vielfältig, wie das Zitat zu deuten wäre, es gilt vor allem und am meisten für den Psychotherapeuten selbst.

In den Falldarstellungen in den Büchern und in der Demonstration auf der Bühne – subtil, großartig, einfach, leicht, schlagend.

Im Therapiezimmer ein jammernder Klient, der sich zum x-ten Mal über das beklagt, worüber er sich seit Jahren beklagt hat, schon lange, bevor er auf die Idee kam, sich einen Therapeuten zu suchen.

Die klaren, schönen, ästhetischen und eleganten Interventionen des eingeflogenen Gurus am Seminar stoßen auf die gleiche Verwurstungs- und Faschiermaschinerie wie alle banalen, allerweltlichen, üblichen auch.

In der Ausbildung, in der Fortbildung, auf den Seminaren und Workshops herrscht Ausnahmezustand. Die Verdichtung aller Erwartungen zu Durchbrüchen und magischen Befreiungen, Mini-Satoris hat Perls es genannt. Er hat deshalb auf die Bühne nicht verzichtet.

Ohne Gruppe im Therapieraum ist es privat; ein einziger anderer ist in Schach zu halten, eine ganze Horde ist es nicht, die organisiert sich nach dem ihr eigenen Hordengeist.

Wenn einer nicht Wartefristen hat, weil er im internationalen Seminarzirkus durch die Welt fliegt, woran soll der Klient erkennen, daß er Glück hat, mit so einer Koryphäe die 50 Minuten verbringen zu dürfen?

Woher soll er wissen, daß er es entweder mit diesem Therapeuten schafft oder mit gar keinem und allein schon gar nicht?

Der Klient erkennt keinen Unterschied zwischen dem Anfänger und dem alten Hasen, außer daß der erste sich vielleicht zu eifrig bemüht. Gut.

Aber manche bleiben so, auch nach Jahrzehnten. Sie sind so. Sie kriegen’s nicht mit, daß es überflüssig ist und was es alles verhindert. Sie messen sich am Normbild eines Therapeuten, einem zufälligen, beliebigen, jedenfalls nicht unzufälligerem oder unbeliebigerem, als bei anderen normativen Vorstellungen das Zustandekommen und Aufrechterhalten und Anstreben wäre.

Was Menschen tatsächlich beim Therapeuten wollen

Der Klient hat andere Interessen als der Therapeut.

Sich ausjammern, sich entlasten, sich ausreden, sich die Sorgen von der Seele reden. Eine Gelegenheit, wo man endlich einmal sagen kann, was man will, ohne Rücksicht darauf nehmen zu müssen, wie der andere reagiert. Denn der muß zuhören und freundliche Nasenlöcher machen, dafür zahlt man.

Nachdenken, weil man vor lauter Hektik sonst nie dazu kommt.

Nicht allein sein mit den Problemen, mit der ganzen Überforderung, mit den Zweifeln, mit der Unsicherheit.

„An etwas arbeiten“? Etwas bearbeiten oder gar durcharbeiten und dann noch integrieren?

Was sagen Sie dazu? Was ist Ihre Meinung als neutraler Außenstehender? Was soll ich tun?

Bevor ein Klient allen Ernstes sich mit dem Nichterkennbaren befaßt, fließt eine Menge Wasser die Donau hinunter und den Ganges hinauf. Bevor er sich dem Bekannten zuwendet, als wäre es so gut wie unbekannt, hat er es tausend und ein Mal verteidigt.

Und die großen Schritte wie Gulliver, von denen die Therapeuten in den Büchern schreiben, tut alle heiligen Zeiten einer. Und bis auf Weiteres, wenn’s sich so hält, wie’s sich anließ! Morgen ist wieder ein Tag, und in ein, zwei Jahren, was ist dann? In fünf, in zehn?

He ihona, he pi’ina, he kaolo. (Ein hawaiianischer Spruch, übers.: Ein Abstieg, ein Aufstieg, ein Pfad)

Der Mensch will sich nicht ändern, er will sich anders fühlen und zwar besser, stärker, sicherer, gelassener, in seinem Element, beschäftigt, zufrieden, gut unterhalten.

Daß man selber anders vorgehen muß, und zwar schon innerlich, damit man was Besseres erleben kann, ist für den normalen Bürger eine bloß theoretische These, das Leben behandelt er als Geschick. Des Zufalls, der Umstände, der Täter rundherum und des ebenso zufälligen und ungerechten Innern, dieser Psyche oder dieser neuronalen Schaltkreise, wie der Gebildete sagt.

Wie soll ich mit dem Schicksal zu Rande kommen, mit seinen Schlägen und Stößen, seiner Drängerei und Rempelei? Soll ich ausweichen oder mich dagegenstellen oder mich dreinfügen? Und wie komm‘ ich überhaupt dazu, mich all dem aussetzen zu müssen? Was hab‘ ich getan?

Und wie krieg ich den X dazu, daß er sich y verhält statt mit dem Z weiterzumachen?

Der Therapeut will Therapie – der Klient will, was er will

Aus dem kategorischen Mißverständnis der Therapeuten, die Klienten kämen wegen Therapie, ergibt sich der allergrößte Teil der Frustration und Qual, die Therapie entweder für beide ist oder nur für den Therapeuten.

Wir sehen Abertausende, die brav rackern, mit immer neuen Anläufen des besten und des noch besseren Wissens und Gewissens, und glauben, sie tun ein gutes Werk, ohne je auf den Verdacht zu kommen, sie spielten Prokrustes.

Ihre Enttäuschung halten Sie mit Fortbildungen in Schach. Die nächste Methode, der nächste Guru, das nächste Curriculum und das nächste Zeugnis. Jede Methode hat die Halbwertszeit des Realismus des Therapeuten. Beim jungen Jahre, beim älteren Monate, beim alten nicht einmal Wochen, nur Tage.

Jede neue Methode ist schon das Zeugnis dafür, daß wieder ein paar sich gefunden haben in der ewigen Illusion der Machbarkeit von Veränderung. Immer aus der Erfahrung ihrer Unmachbarkeit auf Teufel komm‘ raus unerbittlich heroisch errichtet. Die einen als Propheten, die andern als ihre Jünger. Wieder ein Hype mit Millionen.

Lang und tief enttäuscht ergibt nüchtern und gelassen

Was für eine Ernüchterung bringt die Zeit!

Wer noch Sinn für das Wissen um der Dinge Stand hat, dem bricht Stück um Stück des Mauerwerks ab, das uns in der Getriebenheit zum Bewirken hält. Darunter der Mensch nur als Körper, nur ein Geist ohne Halt und Schutz der Fassade des Wissens.

Nicht wissen zu müssen, nichts vorher wissen müssen, weil alles sich sehen läßt, weil alles ins Spiel kommt, wenn es so weit ist, und nichts, wenn es nicht so weit ist, und ohne daß man es vorher weiß.

Jemandem gut zureden, sodaß er auf einen hört und sich besinnt; jemandem sagen, was er hören muß, um aus seinem Schlamassel herauszufinden; jemand trösten und beruhigen; jemandem seine Fehler aufzeigen, wenn er sich verrannt hat; jemandem Mut zusprechen, damit er standhaft bleibt gegen die Versuchungen; jemanden an seine Ideale und Überzeugungen erinnern, die er schon fast vergessen hat in den Sorgen des Alltags.

Das klingt nicht esoterisch und nicht wie eine hohe Kunst, für die man viele Jahre üben muß?

Das Tao des Erfassens

Es sind lauter Unscheinbarkeiten. Allein das Mitkriegen, was eigentlich los ist. Hinter all dem Reden und dem Schweigen. Hinter all dem Theater. Hinter dem Heulen und Zähneknirschen.

Der Geist muß ruhig sein und konzentriert, sonst geht es nicht. Sonst glaubt man nur, man versteht. Irgendwas Zufälliges von den vielen gleichzeitig schwingenden Strängen, wie die einzelnen Saiten in Akkorden. Was heraussticht, was logisch ist, was jedem einleuchtet. Manche begnügen sich sogar mit den Worten: Was gesagt wurde, ist das zu Verstehende!

Aber wie banal: ruhig und konzentriert! Na fein, also beruhige ich mich und konzentriere mich und jetzt – Abrakadabra! – kann ich Gedanken lesen?

Irgendwie schon! Andererseits ist es eine Liebe, in der einem der andere Mensch maßlos teuer ist, nicht einem selbst  teuer sondern unbedingt und unantastbar jenseits einer Idee der Relativierung.

Man muß es erkennen wollen, man muß es mitkriegen wollen, man muß es wahrhaben wollen, man muß es hinnehmen, wie unqualifizierter Quatsch es auch ist. Wie abgeschmackt, wie altbacken, wie durchexerziert. Wie kontraproduktiv. Die Produktionsmethodik kennt nur der Therapeut und wenn der Klient nicht einklickt, so recht und schlecht, schaut nichts raus.

Oder der Therapeut hält sich absichtsfrei und versteht daraus, worum es dem Gegenüber geht. Wenn das Zwecke sind, die man gemeinhin unter therapeutische einordnet, soll es gut sein. Wenn nicht, dann nicht; die Schwelle zur unvoreingenommenen Neugierde dem Seelischen gegenüber läßt sich immer und überall überschreiten. Eine kleine Überraschung, eine unvorhersehbare Irritation, ein befremdendes Anwehen lauert hinter jeder Ecke.

Es erfüllt sich das Mögliche aus dem Willkommengeheißenen aus der unendlichen Dichte der Momente voller Appelle.

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