Auf der Jagd kann man nicht tratschen und im Kampf kann man nicht jammern

Einige kursorische Hinweise auf die geschlechterspezifische Prägung von Emotionalität und Kommunikation aus der Kulturperiode der Jäger und Sammler.

Männerarbeit und Frauenarbeit – zwei Alltagswelten

In der archaischen Lebenswelt, in der unser aller soziales Verhalten und unsere Emotionalität und damit die entsprechenden Erwartungen und Einstellungen evolutionär entstanden und instinktiv gesichert worden sind, verbrachten Männer und Frauen den größten Teil ihres alltäglichen Lebens getrennt voneinander.

Die Welt der Frauen

Die Frauen verbringen den Tag in der Gruppe mit den anderen Frauen der zwei, drei Generationen bei den gemeinsam erledigten Arbeiten, die Kinder je nach Alter neben sich oder in Sichtweite oder Rufweite.

Dieses Zusammensein ist begleitet von Plaudern, Tratschen, Scherzen und Lachen oder mit Chanten und Singen im Rhythmus der Handgriffe bestimmter Tätigkeiten wie Früchte oder Wurzeln Stampfen, Körner mahlen, Baumrinde zum Stoffmaterial für Kleidung klopfen und dergleichen mehr.

Die Frauengruppe als Resonanzkörper

Sie bilden auf diese Weise miteinander einen gemeinsamen emotionalen Resonanzkörper, in dem Mißstimmungen einzelner Frauen oder Konflikte zwischen ihnen frühzeitig von den anderen in der Runde wahrgenommen und rechtzeitig abgefangen werden, bevor sie allen die Stimmung verderben und außerdem die Kooperation beim Erledigen der notwendigen Arbeiten sabotieren würden.

Das geschieht über das spontane sich Ausquatschen, würde man heute sagen, oder sich Ausjammern und -klagen und von den anderen dabei unterstützt werden, indem sie mitschwingend mitmachen, bis die Gefühlsspannung durch die gemeinsame Resonanz entladen und aufgelöst ist und die Betroffene wieder ins emotionale Gleichgewicht gekommen ist.

Nichts Exotisches sondern genau das, was Frauenrunden, Freundinnen, die sich im Kaffeehaus treffen oder einander besuchen, auch heute machen. Alles Belastende zigmal von allen Seiten mit entsprechender Emotion und Anteilnahme der anderen durchkauen, bis sich die Entlastung eingestellt hat und sie wieder im inneren Gleichgewicht ist.

Der Unterschied zur Gegenwart ist allerdings der, daß damals der gesamte Alltag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen sich in der Gesellschaft der anderen Frauen und deren Kindern abgespielt hat.

Einerseits im Lager, andererseits in der Nähe beim Sammeln von Früchten, Kräutern, Wurzeln, Pflanzenteilen für den Gewinn von Fasern oder beim gemeinsamen Wasserholen oder beim Baden und Waschen. Oft sogar wochenlang ohne die Männer im Lager, weil sie auf Jagdexpeditionen oder auch Kriegszügen waren.

Die einzelne Frau kam daher überhaupt nicht in die Lage, sich mit Frustrationen, Sorgen, Problemen und Leid allein herumschlagen zu müssen, oder den ganzen Tag warten zu müssen, bis jemand da ist, der ihr zuhört und mit dessen Hilfe sie ihre emotionalen Spannungen wieder abbauen kann.

Wo ist heute die Frauengruppe?

Heute dagegen verbringt sie Stunden, halbe oder manchmal ganze Tage allein mit ihrem kleinen Kind und muß sich die entsprechend vertrauten Runden selbst organisieren, sich mit anderen Müttern am Spielplatz anfreunden, Freundinnen anrufen und Treffen vereinbaren. Die Resonanzrunde ist eine Ausnahme, nicht die selbstverständliche fortwährende Umgebung.

Ebenso oder noch schlimmer, wenn sie in einem Job arbeitet. Wenn sie nicht das Glück hat, eine Art von Aufgaben zu erledigen, bei der das Tratschen nicht stört, kommt sie nur in den Pausen dazu. Überdies ist es in vielen Fällen so, daß die Arbeit selbst Druck, Streß oder Konkurrenz und Intrigen unter den Mitarbeitern und zwischen den Vorgesetzten und Untergebenen inkludiert, sodaß das Zusammensein nicht nur gegenseitige emotionale Balancierung ausschließt, sondern extra emotionale Konflikte und Spannungen schafft.

Das bedeutet, daß es für die Frau instinktiv selbstverständlich erscheint, daß sie ihre Spannungen unter Einbezug anderer auflöst, den anderen sozusagen einen Teil der Verarbeitung delegiert und überdies damit rechnet, die werden es nicht persönlich nehmen, wenn sie sie anpfaucht oder ankeift, sondern wie unter guten Freundinnen reagieren, „Oje oje, was ist es denn, sag‘ schon?“.

Das Wesentliche daran ist, daß dies unter Frauen instinktiv und automatisch so passiert, so verstanden und behandelt wird.

Die Welt der Männer

Für Männer ist das jedoch ihren Instinkten konträr. Männer verarbeiten ihre Spannungen ganz anders als Frauen.

Evolutionär selbstverständlich wieder aufgrund der objektiven Umstände ihrer Aufgaben und Tätigkeiten, im Wesentlichen der Jagd und – mit besonderer Aufmerksamkeit für die Frauen und Kinder – des Schutzes der Sippe vor tierischen und menschlichen Feinden, dazu der Organisation des Sippenlebens nach den primären Notwendigkeiten und Optimierungen für die Sicherheit und die Versorgung mit Jagdbeute.

Die Notwendigkeit der Gefühlskontrolle

Das unkontrollierte Zulassen, Ausdrücken und Ausleben von momentanen Gefühlswallungen oder das sich Ausliefern an Stimmungen wie Verärgerung, Gereiztheit, Ängstlichkeit oder auch Besorgtheit, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Hilflosigkeit hätte für die Aufgaben der Männer Mißerfolg oder sogar unmittelbare Lebensgefahr für den Einzelnen oder für alle Mitglieder eines Trupps bedeutet.

Sie mußten die Fähigkeit entwickeln, Gefühle verläßlich zu blockieren und sich dadurch in ihrer Wachheit, in der Reaktionsfähigkeit und im konzentriertem Einsatz in der Koordination mit den anderen im Jadgtrupp nicht behindern zu lassen, sondern das Durchleben, Ausdrücken und Abbauen der Emotionen zu verschieben auf den Zeitpunkt und die Umstände, wo dies ohne Nachteile und Gefährdung möglich war.

Emotionalität und Drama nur in Sicherheit

Wenn sie wieder heil (oder auch verwundet) zurückgekommen waren ins Lager, dann war die Gelegenheit und Notwendigkeit, die gefährlichen und bedrohlichen wie auch die enttäuschenden und triumphalen Erlebnisse bei der Jagd oder auf dem Kriegszug gemeinsam und zusätzlich mithilfe der Resonanz der Frauen, Kinder und Alten zu verarbeiten.

Wie? Indem man erzählt, die Abenteuer dramatisch nachspielt vor dem gespannten und faszinierten Publikum, das mitzittert, mitschaudert, mitkämpft, mitflüchtet, mitsiegt. Das in ritualisierten Formen, an denen sich die ganze Gemeinschaft beteiligt und miteinander dafür sorgt, daß die schlimmen und schrecklichen Erfahrungen nicht als unbewältigt – im heutigen Sinn des Begriffs Trauma – im Gedächtnis fixiert werden und die Betroffenen später mit Alpträumen und unkontrollierbaren Angstzuständen heimsuchen.

Dann erst war es angebracht, Spannungen untereinander abzubauen und Konflikte zu klären, sowohl innerhalb der Männergruppe als auch zwischen Männergruppe und Frauengruppe.

Ein Mann, ein Wort

Darüber hinaus mußten die Männer auch in ganz anderer Art miteinander kommunizieren als die Frauen. Ein unnötiger Laut kann das Wild vertreiben oder die Raubtiere oder die Feinde auf einen aufmerksam machen. Schweigenkönnen ist eine unverzichtbare Tugend, und ein einziges geflüstertes Wort oder eine bloße Geste muß als Auskunft über die Lage und Signal zur Aktion für alle anderen verläßlich sein, weil unmittelbar Existenzielles davon abhängt.

Der einsame Wolf

Nicht alle Jadgunternehmungen fanden in der Gruppe statt, sondern die Männer gingen auch allein jagen, oft tagelang. Das erfordert die Fähigkeit, mit dem Alleinsein und dem Alleinverantwortlichsein für den Erfolg der Unternehmung und für die eigene Sicherheit zurechtzukommen.

Alle Ängste, Zweifel, Risiken und Schmerzen müssen in Kauf genommen und ertragen werden, ohne das effiziente Handeln davon torpedieren zu lassen. Mut, Tapferkeit, Ausdauer, Selbstdisziplin und das vernünftige Abschätzen von Gefahren und Gelegenheiten sind die notwendigen Voraussetzungen dafür.

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